u/jhimselfowitsch

Nur kurz nach dem Rechten sehen

Nur kurz nach dem Rechten sehen

Vollkommen zufrieden fuhr ich an diesem Freitagnachmittag den Computer herunter und läutete dank meiner angesammelten Überstunden den Feierabend ein paar Stunden früher ein.

Zwei E-Mails waren kurz zuvor noch eingegangen. Ich überflog beide, stellte fest, dass weder die Firma brannte noch jemand unmittelbar meine Hilfe benötigte, und stufte ihre Dringlichkeit entsprechend niedrig ein.

Ganz nach dem Motto - Nach mir die Sintflut.

Als ich zum Bürofenster blickte, musste ich jedoch feststellen, dass diese offenbar bereits begonnen hatte.

Dicke Regentropfen liefen in schmalen Bahnen über das Glas und zogen die Außenwelt in langen, verschwommenen Streifen nach unten.

Noch am Morgen hatte die Sonne so entschieden durch das Fenster geschienen, dass ich die Jalousien schließen musste. Nun hatte sich der Himmel innerhalb weniger Minuten in eine gleichmäßig graue Fläche verwandelt. Draußen hasteten Menschen in kurzen Hosen, Sommerkleidern und Tanktops über die Gehwege. Einige versuchten sich unter den schmalen Vorsprüngen der Häuser entlangzubewegen. Andere hatten sich offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden und gingen einfach weiter.

Eine Frau presste ihre Handtasche über den Kopf und rannte völlig durchnässt zur gegenüberliegenden Bushaltestelle.

„Regen war für heute gar nicht angesagt“, murmelte ich.

Mein Handy lag neben der Tastatur. Ich entsperrte es und öffnete die Wetter-App.

Sonnig

Vierundzwanzig Grad

Niederschlagswahrscheinlichkeit: zehn Prozent

Ich sah noch einmal nach draußen. Der Regen prasselte inzwischen so heftig gegen die Scheibe, dass die gegenüberliegenden Häuser kaum noch zu erkennen waren.

„Sind ganz schön starke zehn Prozent“, dachte ich mir.

Ich schob den Bürostuhl zurück, streckte die Beine aus und genoss für einen kurzen Moment das seltene Gefühl nichts mehr tun zu müssen. Kein Meeting wartete auf mich. Niemand würde in den nächsten fünf Minuten eine Nachricht mit dem Wort dringend schicken und damit etwas meinen, das bereits seit drei Wochen bekannt war. Der restliche Nachmittag gehörte mir.

Na ja, zumindest fast.

Ich warf mir eine dünne Jacke über, die gegen diesen Weltuntergang absolut keine Chance haben würde, und verließ mein Büro.

Ein paar Minuten später stand ich im Hausflur unserer Mietshauses und steuerte auf die Briefkästen zu, die draußen an der Außenwand neben der Gegensprechanlage angebracht waren. Als ich die Tür öffnete wusste ich nur Eines: Die zehn Schritte bis zu meinem Auto hätten ausgereicht, um meine Haare flach an die Stirn zu kleben.

Mit der freien Hand strich ich mir übers Gesicht und fischte zuerst meine eigene Post aus dem Kasten - nur ein paar Flyer.

Dann steckte ich den zweiten, deutlich schwereren Schlüssel in das Schloss daneben.

Wohnung 3B. Elena Brandt.

Mich begrüßten drei Werbeprospekte, eine Postkarte ohne Absender und ein weißer Umschlag, auf dem in roten Buchstaben DISKRET stand.

Ich nahm alles heraus, klemmte mir die Briefe unter den Arm und drückte die kleine Metallklappe wieder zu.

Zurück im Flur hielt ich den Schlüsselbund für einen Moment unschlüssig zwischen den Fingern, während mein Blick an dem kleinen smaragdgrünen Anhänger hängenblieb.

Dass dieser ausgerechnet in meinem Besitz gewesen ist, war noch vor wenigen Wochen völlig undenkbar gewesen. Wir waren Nachbarn, die sich im Flur höflich grüßten.

Hin und wieder nahm ich ein Paket für sie an. Es waren flüchtige Begegnungen, bei denen man die Attraktivität des anderen abwog, ohne es sich anmerken zu lassen. Sie war ein paar Jahre älter als ich, trug immer makellose Business-Kostüme und verließ das Haus morgens mit einer Aura, die absolut keinen Raum für lockeren Smalltalk ließ. Ihr Duft hatte immer einen Hauch ihres teuren, leicht herben Parfums. Luxuriös, distanziert und verdammt anziehend. Genau wie sie.

Elena war keine Frau für süße, unschuldige Blicke. Sie war eine Naturgewalt. Wenn sie in ihren mörderisch hohen Absätzen an mir vorbeilief, spannte sich der Stoff ihrer engen Röcke über perfekt geformten, runden Hüften. Der hautenge Stoff betonte jede einzelne Faser ihres prallen, perfekt gerundeten Arsches, der sich bei jeder Bewegung so unverschämt sexy bewegte, dass man gar nicht anders konnte, als hinzusehen. Es war die Art von Hintern, die man beim Sex packen, fest kneten und an den man sich pressen wollte. Sie wusste ganz genau, wie die Männer ihr hinterhersahen.

Unter den feinen Stoffen ihrer Blusen zeichnete sich stets die Form ihrer vollen, festen Brüste ab und an kühlen Morgen im Treppenhaus konnte man durch die dünne Seide hindurch die harten Konturen ihrer Brustwarzen erahnen. Ein Anblick, der mir mehr als einmal die Kehle trocken werden ließ.

Ihr Gesicht hatte etwas Raubtierhaftes: hohe Wangenknochen, ein makelloser Teint und volle, leicht geschwungene Lippen, die meistens in einem tiefen Dunkelrot geschminkt waren. Wenn sie mich mit ihren dunkelbraunen Augen ansah, strich sie sich manchmal betont langsam eine dunkle Strähne hinter das Ohr, wodurch ihr schlanker, makelloser Hals frei lag. Es war genau diese Mischung aus kühler Eleganz und einer fast schon sündigen, heißen Ausstrahlung, die mich jede Nacht von ihr träumen ließ. Sie wirkte wie eine Frau, die im Bett keine Gefangenen machte. Eine, die es genoss Männer schwach werden zu sehen.

Vor drei Wochen hatte der Paketbote einen Karton gebracht, der aussah, als befände sich darin ein mittelgroßer Kühlschrank. Stattdessen war es ein edler Designer-Schreibtisch aus Massivholz. Zumindest behauptete die Verpackung das. In Wirklichkeit enthielt sie vierzehn Bretter, zweiunddreißig Schrauben, eine Tüte mit Holzdübeln und eine Anleitung, die offenbar von jemandem gezeichnet worden war, der Möbel nur aus Erzählungen kannte. Elena hatte ihn am Abend allein nach oben tragen wollen. Ich hatte ihr ungefähr zehn Sekunden dabei zugesehen. Danach nahm ich ihr das untere Ende ab.

„Ich schaffe das“, hatte sie protestiert.

„Das sehe ich.“

„Das klang nicht überzeugend.“

„Du stehst seit einer halben Minute auf derselben Stufe.“

Sie hatte kurz die Lippen zusammengepresst, dann aber losgelassen.

Ich hatte nicht lange gefackelt, das Ding gepackt und die drei Stockwerke hochgeschleppt. Elena saß im Schneidersitz auf dem Wohnzimmerboden, sortierte Schrauben nach Größe und las die Anleitung mit wachsender Abneigung. Ich versuchte währenddessen herauszufinden, warum zwei Bretter identisch aussahen, aber nur eines von ihnen an der richtigen Stelle passte.

„Du hältst es falsch herum“, hatte sie irgendwann gesagt.

„Das Brett oder die Anleitung?“

„Dein gesamtes Leben, wenn ich mir das gerade so ansehe.“

Später tranken wir in ihrer Küche Kaffee aus zwei verschiedenen Tassen. Ihre war schwarz und schlicht. Meine zeigte eine gezeichnete Gans mit einem Messer im Schnabel - peace was never an option

Dort, hinter geschlossenen Türen, hatte sich diese kühle, unnahbare Fassade zum ersten Mal in Luft aufgelöst. Wir hatten fast zwei Stunden geredet. Das Gespräch war tief gewesen, die Blicke fast schon provokant lang. Passiert war an dem Abend zwar nichts, aber danach war etwas zwischen uns geblieben. Nichts Eindeutiges. Kein Flirt, den man hätte zitieren können. Nur eine andere Art, sich im Treppenhaus zu begegnen. Ihre Blicke hielten ein wenig länger. Manchmal blieb sie stehen, obwohl keiner von uns etwas Wichtiges zu sagen hatte. Und wenn sie sprach, wanderte ihre Hand wie von selbst an ihren Ausschnitt, um die Kette an ihrem Hals nervös zwischen den Fingern zu drehen, während ihr Blick auf meinen Lippen lag.

Deshalb hatte sie wohl auch keinem anderen im Haus den Schlüssel anvertraut, als sie am vergangenen Montag verreisen musste. Ich wusste trotzdem kaum etwas über sie.

Sie arbeitete irgendwo im Bereich Marketing. Sie trank ihren Kaffee schwarz. Sie mochte alte Filme, hasste Rosinen und besaß einen Kater, dessen Gesicht aussah, als würde ihn die gesamte Gegenwart anwidern.

Das war offenbar genug, um mir ihre Wohnung anzuvertrauen.

Am Montag gab sie mir einen kurzen Crashkurs zwischen Tür und Angel.

„Futter, Wasser, Katzenklo“, zählte sie auf. „Die Post legst du einfach auf die Kommode. Und die Pflanzen nur gießen, wenn die Erde trocken ist.“

„Alle?“

Elena sah mich einen Moment schweigend an, als würde ich Pflanzen nur aus Filmen kennen.

„Nein. Die große am Fenster höchstens einmal. Die in der Küche gar nicht, die erholt sich noch von meiner Mutter.“

Sie reichte mir einen zusammengefalteten Zettel.

„Ich habe alles aufgeschrieben.“

„Natürlich hast du das.“

Ihre Augenbraue wanderte nach oben. „Was soll das heißen?“

„Nichts. Du wirkst nur wie jemand, der für seinen Kater einen Ablaufplan erstellt.“

„James mag Strukturen“, entgegnete sie trocken.

„James wirft mir jedes Mal einen Blick zu, als hätte ich seine Familie enteignet.“

„Das ist bei ihm Zuneigung, Alex.“

Sie lächelte dabei. Nur leicht, aber ihre Lippen blieben lange genug geöffnet, dass ich wieder an den Abend in ihrer Küche denken musste. An die Hitze im Raum und die Blicke, die sich viel zu tief ineinander verfangen hatten.

Kurz bevor sie ging zeigte sie noch einmal auf den Zettel in meiner Hand.

„Lies den wirklich.“

„Ich kann lesen.“

„Das war nicht meine Sorge.“

Dann hatte sie den Griff ihres Koffers ausgezogen und die Haustür geöffnet.

„Ach, und das Schlafzimmer jeden Tag lüften.“

Ich warf einen Blick auf die Liste.

James morgens und abends füttern (Das teure Nassfutter steht im Schrank ganz links)

Pflanzen gießen, außer die Monstera im Wohnzimmer (sie zickt schnell)

Briefkasten leeren

Schlafzimmerfenster täglich für zehn Minuten lüften. Aber mach danach die Tür sofort wieder zu und bleib nicht unnötig darin. James zerkratzt die Tapete, sobald er dort unbeaufsichtigt ist.

„Nicht unnötig darin bleiben?“, hatte ich vorgelesen.

Elena blieb stehen und blickte mir über die Schulter hinweg direkt in die Augen.

„Du weißt, wie das gemeint ist.“

„Noch nicht. Aber die Formulierung gibt mir Anlass zur Sorge.“

„Fenster auf. Zehn Minuten warten. Fenster zu. Tür schließen.“

„Und dabei keine persönlichen Bindungen zu deiner Tapete aufbauen“, fügte ich sarkastisch hinzu.

„Genau.“

Sie hatte den Kopf geschüttelt, aber gelächelt. Dann verschwand sie. Seitdem hatte ich jeden Tag ihre Wohnung betreten.

Ich schmunzelte, als ich vor der mattschwarzen Tür der Wohnung 3B ankam. Das Schlafzimmer hatte mich die ganze Woche über verfolgt.

Psychologie für Anfänger: Sag einem Mann, er soll einen Raum nicht betreten, und er denkt an nichts anderes mehr.

Oder anders gesagt - DENKEN SIE JETZT BITTE BLOß NICHT AN EINEN ELEFANTEN!

An jedem Tag war ich eisern geblieben. Hatte nur die Klinke gedrückt, das Fenster gekippt und war rückwärts wieder raus. Und genau das nahm ich mir auch heute vor.

Ich öffnete die Tür und am anderen Ende des Flurs blickten mich sofort zwei bernsteinfarbene Augen an. Eine Britisch Kurzhaar. Fett, aschgrau, gelassen und die personifizierte Unsympathie. James sah auch einfach aus wie ein James. Ein anderer Name wäre unglaubwürdig gewesen. James war kein Haustier, er war ein pelziger Richter.

Die gesamte Woche über folgte mir dieser graue Schatten auf Schritt und Tritt. Wenn ich die Pflanzen kontrollierte, thronte er auf dem Sofa und sah aus, als dokumentiere er meine Fehler für einen späteren Bericht. Beim Auffüllen des Futters fixierte er mich jedes Mal, als würde er vermuten, dass ich ihn vergiften wollte.

„Anstrengender Tag?“

Seine Augen folgten mir.

„Du weißt nicht mal, welcher Wochentag ist.“

Ein Ohr zuckte.

Ich kontrollierte die Pflanzen, ging in die Küche, füllte seinen Napf, wechselte das Wasser, öffnete das Schlafzimmerfenster und nahm danach Elenas Liste aus der Hosentasche. Eigentlich brauchte ich sie nicht mehr. Trotzdem trug ich sie seit Montag jedes Mal bei mir, als müsste ich damit rechnen, von James unangekündigt geprüft zu werden.

Danach betrat ich erneut das Schlafzimmer.

Der Raum war abgedunkelt, die Luft kühl und das Boxspringbett ordentlich gemacht. Ich wollte gerade zum Fenster gehen, um es komplett zu schließen, als James lautlos an meinen Beinen vorbeischlüpfte. Er steuerte direkt auf die Schattenseite des Betts zu und quetschte seinen massiven Körper in den schmalen Spalt neben dem Nachttischschrank. Als er die Pfote hob, um die Krallen ins Polster zu schlagen, machte ich einen hastigen Ausfallschritt nach vorn. Dabei überschätzte ich die schwere Decke, die bis zum Boden hing. Mein Fuß verfing sich im Stoff. Ich verlor das Gleichgewicht, stolperte vorwärts und versuchte instinktiv, mich an der Kante des Nachttischschranks abzustützen. Ich riss den Schrank im Fallen komplett mit um. Er kippte zur Seite, schlug hart auf dem Parkett auf und die Schublade knallte mit solcher Wucht heraus, dass ihr Inhalt sich über dem Boden verteilte.

Ich landete auf den Knien und starrte auf das Chaos. Direkt vor meinen Händen lag der Inhalt ihrer Intimsphäre verstreut auf dem nackten Parkett. Zwei Vibratoren - einer schmal und dunkelviolett, der andere größer, aus schwarzem Silikon und in einer Form, bei der wenig Interpretationsspielraum blieb. Es war nichts Verbotenes, nichts wirklich Überraschendes. Elena war schließlich eine erwachsene Frau.

Mittendrin lag ein Tablet, welches bläulich aufleuchtete. Ich hätte den Schrank einfach aufstellen sollen. Stattdessen griff ich nach dem Tablet, um zu sehen, ob das Glas den Sturz überlebt hat.

Ich musterte das Rechteck von allen Seiten und fand keine auffälligen Schäden vor. Als ich den Bildschirm in Augenschein nahm konnte ich auch auf dem Glas keinen Kratzer entdecken, aber stattdessen eine Benachrichtigung.

Upload abgeschlossen

FREITAG_NACHT_ROH_FINAL_04

Die Neugier war in diesem Moment einfach zu groß und die Benachrichtigung wirkte wie eine verbotene Verlockung, der ich unmöglich widerstehen konnte. Das Display verlangte keinen Code. Eine Videogalerie öffnete sich. Die Vorschaubilder waren klein, aber nicht klein genug. Auf dem ersten erkannte ich Elenas Schlafzimmer. Dasselbe Bett. Dieselben Vorhänge. Elena kniete auf der Matratze. Sie trug ein enges, schwarzes Oberteil, das knapp über ihre Hüften reichte. Ihr Gesicht war nicht vollständig zu sehen, nur ihr leicht geöffneter Mund, an dessen Mundwinkel ein verräterischer Tropfen Speichel glänzte. Auf dem nächsten Vorschaubild lag sie auf dem Rücken, die Beine weit angezogen und die Knie nach außen gebogen. In ihrer klatschnassen Pussy steckte der schmale, dunkelviolette Vibrator, während ihre freien Finger ihre harten, geschwollenen Brustwarzen kneteten.

Ich atmete langsam aus. In meiner Hose wurde es augenblicklich so verdammt eng, dass es schmerzte.

Die Galerie enthielt Dutzende Dateien. Manche trugen neutrale Namen. Datum, Uhrzeit, Nummerierung. Andere waren unmissverständlich.

BENUTZ_MICH_CLOSEUP

HÖR_NICHT_AUF_AUDIO

DIRTY_TALK_DEUTSCH_02

KONTROLL_VERLUST_FINAL

Ich hätte das Tablet sofort zurücklegen müssen. Stattdessen berührte mein Daumen, getrieben von meinem brennenden Verlangen, eine der Dateien.

Das Video begann ohne Ton. Elena stand vor dem Bett und sah direkt in die Kamera. Ihr Haar war zu einem lockeren Zopf gebunden. Sie trug nur ein weißes Hemd, durch dessen dünnen Stoff man die dunklen Höfe ihrer Brüste schimmern sah. Dann erschien der Ton. Ihre Stimme war leise, aber glasklar.

„Du bleibst genau dort.“

Ich erstarrte. Es war nicht die Elena aus dem Treppenhaus. Ihre Stimme war tiefer. Ruhiger. Absolut kontrolliert. Sie öffnete langsam den ersten Knopf des Hemdes, sodass ihre pralle Brust ansatzweise freigelegt wurde.

„Du siehst zu, bis ich dir etwas anderes sage. Und du fasst dich jetzt an. Los.“

Ich stoppte das Video mit zitternden Fingern. Mein Herz schlug so hart gegen meine Rippen, als hätte mich jemand auf frischer Tat ertappt. Doch niemand war da. Nur James. Er saß völlig gelassen im Türrahmen und blickte mich an. Auf dem Display blieb Elena eingefroren. Ihre Finger lagen am zweiten Knopf, ihr gieriger Blick direkt auf die Kamera gerichtet. Direkt auf mich. Ich konnte nicht anders. Meine Hand glitt wie von selbst zu meinem Hosenstall, öffnete den Knopf und befreite meinen steif pulsierenden Schwanz.

Allein der kühle Luftzug auf der erhitzten Haut ließ mich aufstöhnen. Während meine Hand meinen Ständer packte und ich die ersten gierigen Züge machte, wischte ich hektisch zurück zur Galerie. Dabei öffnete sich ein Ordner, den ich zuvor nicht bemerkt hatte.

Entwürfe - nicht hochladen

Darin lagen keine kurzen Clips. Die Dateien waren länger. Zwanzig Minuten. Dreißig. Manche fast eine Stunde. Ich spielte eines der Videos ab und überflog ungeduldig die Datei bis zu einer Szene in der sich Elena mit dem schwarzen Vibrator fickte. Meine Augen klebten an dem Bildschirm. Immer wieder stieß sie sich das schwarze Silikon in ihre schmatzende, nasse Pussy. Schneller. Lauter. Härter. „Ooh Gott, fühlt sich das gut an. Stell dir vor dein Schwanz würde mich so ficken."

Neben Videos gab es Textdokumente, Sprachaufnahmen und Screenshots von Nachrichten. Auf einem davon war ein Chatverlauf zu sehen. Die Nachrichten waren so direkt und pervers, dass ich zunächst glaubte mich verlesen zu haben.

Es ging um härteste Befehle. Um totale Erniedrigung. Die User forderten Details, die mich schlucken ließen: Sie wollten sehen, wie sie sich das schwarze Silikonteil anal einführte, wie sie sich im Gesicht bespritzen ließ und welche dreckigen Wörter sie dabei stöhnen sollte. Es war so meilenweit von der kontrollierten Frau entfernt, die ich kannte, dass mein Verstand komplett aussetzte, während meine Hand an meinem Schwanz immer schneller und fester zupackte.

Dann sah ich Elenas Antworten. Nicht zurückhaltend. Nicht beschämt. Sie gab die Richtung vor. Korrigierte die Grammatik ihrer Sklaven, lehnte langweilige Wünsche ab und machte die Kerle mit perversen Gegenvorschlägen nur noch schärfer. Eine Nachricht bestand nur aus einem Satz.

Du darfst dir vorstellen, dass ich dir gehöre. Verwechsel das bloß nicht mit der Realität.

Ich las ihn zweimal, während ich mich fast um den Verstand wichste.

Danach öffnete ich unabsichtlich eine Audiodatei. Ein tiefes, feuchtes Einatmen erfüllte das schweigende Zimmer. Dann Elenas Stimme, extrem nah am Mikrofon, als würde sie ihre Zunge direkt in mein Ohr stecken.

„Sag mir, was du mit mir machen würdest, wenn du jetzt hier wärst. Würdest du mich packen? Würdest du mir wehtun, Patrick? Nimm mich in den Mund. Schluck meinen Saft.“

Ich drückte sofort auf Pause. Die pure Geilheit überkam mich. Wie besessen wichste ich mein steinhartes Glied.

Im selben Moment hörte ich hinter mir ein Geräusch. Nicht aus dem Tablet. Ein leises, unmissverständliches Knarren der Schlafzimmertür.

Die Wärme wich aus meinem Körper, gefolgt von einem brutalen Adrenalinschub. Ich drehte mich langsam um, den steifen Schwanz noch immer in der Hand.

Vor wenigen Sekunden war sie noch auf dem Bildschirm und in meinem Kopf verreist. Weit weg. Nicht greifbar. Doch jetzt stand sie plötzlich im Türrahmen.

Sie trug ein dunkelblaues Business-Kleid, doch die Haare waren leicht zerzaust. Sie hatte keine Tasche bei sich, keinen Koffer. Nichts. Ihre Augen fixierten mich. Sie glitten von meinem schweißnassen Gesicht hinunter zu meiner Hand, in der ich noch immer das leuchtende Tablet hielt und dann direkt zu meinem steifen Schwanz.

Ich wollte den Mund öffnen, um irgendeine jämmerliche Ausrede zu stammeln, aber meine Kehle brachte keinen Ton heraus. Elena tat etwas, das ich nicht erwartet hatte. Sie schrie nicht. Sie wurde nicht wütend. Sie schloss einfach nur die Tür hinter sich und schnitt uns endgültig von der Außenwelt ab.

„Du hast die wichtigste Regel gebrochen, Alex“, sagte sie leise. Ihre Stimme war exakt dieselbe wie auf der Tonspur, die ich gerade abgestellt hatte. Tief, kontrolliert, absolut herrschend. Sie machte einen langsamen Schritt auf das Bett zu. Das Klacken ihrer Absätze auf dem Parkett hämmerte in meinen Ohren wie ein Techno-Bass.

„I-ich wollte nur…“, brachte ich heraus, während mein Puls heftig gegen meine Halsschlagader schlug.

„Es interessiert mich nicht, was du wolltest“, unterbrach sie mich eiskalt. Sie stand jetzt direkt vor mir. Der Duft nach Sandelholz auf ihrer warmen Haut umhüllte mich so stark, dass sich mein Verstand komplett verabschiedete. Ihre Augen brannten sich in meine. „Du hast geschnüffelt. Du hast Dinge gesehen, die dir nicht gehören. Und du hast meine Audioaufnahmen gehört.“

Sie streckte die Hand aus. Ihre Finger waren kühl, als sie mir das Tablet ohne Widerstand aus den gelähmten Fingern nahm. Sie warf es achtlos aufs Bett.

„Weißt du, was wir mit Leuten machen, die sich nehmen, was ihnen nicht zusteht?“, raunte sie, trat noch ein Stück näher und zwang mich durch ihre bloße Präsenz, mich auf die Bettkante sinken zu lassen. Ich saß da, die Knie weich, während sie über mir stand.

Sie beugte sich langsam vor, bis ihr Gesicht nur noch Zentimeter von meinem entfernt war. Ihr Blick wanderte zu meinen Lippen, dann zurück zu meinen Augen. Ein gefährliches, wissendes Lächeln stahl sich auf ihren Mund.

„Gefällt dir, was du auf den Videos gesehen hast?“, flüsterte sie. Ihr Atem war heiß auf meiner Haut. „Macht es dich an, zu wissen, wie dreckig ich sein kann, Alex?“

Ich konnte nicht antworten. Mein Blick war wie magisch angezogen von dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides, unter dem sich ihre Brust schnell und flach hob. Das Verlangen, sie einfach zu packen, das Kleid aufzureißen und sie hemmungslos zu ficken, war so überwältigend, dass ich die Hände in die Matratze krallen musste, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

„Wie gerne würdest du mich jetzt ficken, Alex? Meinen Arsch packen, während ich dir ins Ohr stöhne? Mir tief in den Mund spritzen?“

Sie wartete meine Antwort nicht ab. Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach dem Reißverschluss an ihrem Rücken. Das Geräusch, als das blaue Gewebe sich öffnete und der Stoff langsam von ihren Schultern glitt, war das Einzige, was in der Stille zu hören war. Das Kleid fiel zu Boden.Sie stand vor mir in nichts als schwarzer, hauchdünner Spitzenunterwäsche. Ihre Haut schimmerte im gedimmten Licht, die Kurven ihres Körpers waren perfekt. Und sie sah mich an wie ein Raubtier seine Beute.

Sie drückte mich mit beiden Händen an den Schultern flach auf das Bett zurück. Ich lag auf dem Rücken, während sie über mich stieg, sich rittlings auf meine Oberschenkel setzte und das schiere Gewicht ihres Körpers mich fast um den Verstand brachte. Ihre Finger wanderten langsam an meinem Bauch hinab und schlossen sich fest um meinen steifen Schwanz. Sie begann mich mit langsamen, unbarmherzig präzisen Zügen zu reiben. Ich schloss die Augen, den Orgasmus bereits auf der Zungenspitze, kurz davor, unkontrolliert in ihrer Hand zu explodieren. Sie beugte sich hinunter, ihre Lippen streiften mein Ohr.

„Wag es ja nicht zu kommen“, flüsterte sie.

Ihre Hand stoppte abrupt und schob den dünnen Stoff ihrer Unterwäsche beiseite. Sie senkte ihr Becken und drückte sich hauchzart gegen meinen pulsierenden Schwanz.

Ich stöhnte auf, als ihre feuchten Schamlippen über meine Eichel glitten. Immer wieder rieb sie mein pochendes Glied. Auf und ab. Ich spürte wie ihre Nässe meinen Schaft hinunter lief. Ich wollte meine Hüften instinktiv anheben, um tiefer in sie einzudringen, doch sie hielt mich mit ihren Händen auf meinen Schultern am Boden. Das rhythmische, feuchte Gleiten ihrer Vulva trieb mich in Sekundenschnelle an den absoluten Abgrund.

Ihre Lippen fanden meinen Hals, bissen leicht zu, während ihre Hand mich umfasste. Die Geilheit schoss mir wie pures Gift in die Adern.

Es war intensiv, überwältigend - aber als sie sich leicht zurücklehnte, um mich mit diesem arroganten, herrschenden Lächeln von oben herab anzusehen, knallte in meinem Kopf eine Sicherung durch.

Ich wollte mich nicht kontrollieren lassen. Nicht von der Frau, deren schmutzigste Geheimnisse ich gerade auf einem Tablet seziert hatte. Ich war kein Statist in ihrem Skript.

Bevor sie realisieren konnte, was geschah, schossen meine Hände nach oben. Ich packte ihre Hüften mit einem Griff, der keinen Widerspruch duldete.

Elenas Augen weiteten sich vor Überraschung, ein leises Keuchen entwich ihrem Mund. „Alex, ich habe gesagt, du...“, setzte sie an, doch ich ließ sie nicht ausreden.

Mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung drehte ich uns um. Ich nutzte ihr eigenes Übergewicht, drückte sie flach in die Kissen und begrub ihren Körper unter meinem. Meine Knie fixierten ihre Oberschenkel, meine Hände pressten ihre Handgelenke links und rechts neben ihrem Kopf in die Matratze. Jetzt war sie es, die zu mir aufsehen musste.

Ihr Atem ging flach und schnell, die kühle Maske war in Sekundenbruchteilen gewichen. In ihren Augen blitzte eine wilde Mischung aus Empörung und blanker, unzensierter Erregung auf.

„Wir spielen nicht nach deinen Regeln, Elena“, raunte ich, mein Gesicht so dicht an ihrem, dass meine Lippen ihre Haut streiften. „Du wolltest wissen, was ich mit dir machen würde? Ich zeige es dir.“

Ich ließ ihre Handgelenke los, packte den hauchdünnen Stoff ihres schwarzen BHs und riss ihn mit einem heftigen Ruck entzwei. Die Fetzen gaben ihre Titten frei, deren Spitzen sich bereits hart und verlangend aufrichteten. Elena stöhnte laut auf, warf den Kopf in den Nacken und bäumte sich gegen mich auf – nicht, um zu entkommen, sondern um den Druck zu erhöhen. Es gab kein langes Vorspiel mehr, kein Zögern. Die angestaute Spannung der gesamten Woche entlud sich in einer rauen, kompromisslosen Wucht.

Ich zog sie an den Hüften hoch, drückte ihre Beine weit auseinander und stieß mit einem einzigen, tiefen Stoß in sie hinein. Elena schrie auf, ein heiserer, ungefilterter Laut, der tief aus ihrer Kehle kam. Ihre Fingernägel vergruben sich augenblicklich im Laken und klammerten sich anschließend in meinem Rücken fest. Sie war eng, kochend heiß und klatschnass. Jede Bewegung war getrieben von einem wilden Verlangen. Das Bettgestell hämmerte in einem gnadenlosen Takt gegen die Wand. Ich nahm keine Rücksicht mehr auf ihre Dominanz - ich nahm mir einfach, was ich wollte. Ich stieß immer schneller, tiefer in sie hinein, spürte, wie ihre nasse Pussy sich krampfhaft um mich schloss.

Elena war völlig berauscht von dem Kontrollverlust. Ihre Augen waren glasig, ihr Mund stand offen, und sie wimmerte leise, während sie ihre Hüften meinen Stößen entgegenwarf.

„Oh jaaa, Fick mich härter, Alex… verdammt, mach mich fertig“, stöhnte sie atemlos, komplett gebrochen von der Intensität.

Ich packte sie fester, hob sie leicht an und trieb uns beide näher zum Orgasmus. Ein paar heftige Stöße noch, dann verkrampfte sie sich unter mir, zitterte am ganzen Körper und schrie meinen Namen in das Kissen, während sich mein eigener Höhepunkt mit einer Wucht in sie entlud.

Keuchend sackte ich auf sie. Unsere Haut war schweißnass, das Zimmer roch nach Sex und Sandelholz. Für ein paar Minuten lag ich einfach nur da und spürte das wilde Hämmern ihres Herzens unter meiner Brust. Elena strich mir mit zitternden Fingern durchs Haar. Das arrogante Lächeln war weg, ersetzt durch eine weiche Zufriedenheit.

„Du bist ein verdammter Mistkerl, Alex“, flüsterte sie erschöpft, aber mit einem glücklichen Unterton.

Ich schmunzelte, drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Schläfe und wollte mich gerade von ihr rollen, um nach meiner Hose zu greifen. Doch genau in dem Moment fror jede Bewegung in meinem Körper ein.

Das vertraute, unmissverständliche Geräusch, wenn die Wohnungstür ins Schloss fällt. Und dann schwere, langsame Schritte, die zielstrebig den Flur entlangkamen. Direkt auf das Schlafzimmer zu.

Elena schreckte unter mir hoch, die Augen vor Entsetzen geweitet, alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.„Oh mein Gott“, hauchte sie panisch und griff nach der Bettdecke, um sich zu verhüllen. „Er ist zu früh hier.“

Die Schritte stoppten direkt vor der Tür. Die Klinke begann sich langsam nach unten zu bewegen.

„Er?“

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u/jhimselfowitsch — 7 days ago

RAW – Der Umweg zu einem Aktmodel

RAW – Der Umweg zu einem Aktmodel

Der Bunker war keiner dieser Orte, an denen man zufällig landete.

Es gab kein Schild, keine Leuchtreklame und keine Öffnungszeiten, die man hätte googeln können. Wer eingeladen war, erhielt wenige Stunden vorher eine Nachricht. Datum, Uhrzeit, Eingang. Darunter ein paar Regeln, die eher wie eine Warnung klangen als wie eine Hausordnung.

Keine Fotos.

Keine Videos.

Keine Fremden.

Wer jemanden mitbringt, übernimmt die Verantwortung.

Phil hatte mir die Nachricht während der Fahrt wortlos hingehalten. Am Ende stand nur eine Adresse am Rand eines alten Gewerbegebiets. Nicht weit von den stillgelegten Bahngleisen entfernt.

„Und da willst du jetzt hin?“, hatte ich gefragt.

„Wir“, korrigierte er mich.

Ich korrigierte zurück, dass ich ihn hinfahren würde, aber keinen Fuß in das Gebäude setze. Phil sah aus dem Seitenfenster, rieb mit dem Daumen über seine Unterlippe und behauptete, er müsse dort ohnehin nur kurz etwas abgeben. Was genau, wollte ich gar nicht wissen. Es interessierte mich nicht. Sein Gesicht war noch dasselbe. Irgendwie. Nur schmaler. Grauer. Als hätte jemand die Sättigung heruntergedreht.

„Ich will danach nicht allein nach Hause.“

Deshalb stand ich nun mit ihm vor einem Gebäude, das aussah, als hätte die Stadt es vor zwanzig Jahren vergessen. Rissiger Putz, freiliegende Ziegel, blinde Fenster. Von außen deutete nichts darauf hin, dass sich im Keller gerade fünfzig Menschen versammelten. Nur der Bass. Er war nicht wirklich zu hören. Noch nicht. Aber ich spürte ihn unter den Schuhsohlen. Ein stumpfes, regelmäßiges Pochen, das durch den Boden nach oben drang.

Phil zog die Kapuze seines Hoodies tiefer ins Gesicht.

„Komm.“

Wir gingen nicht durch den Haupteingang. Er führte mich um das Gebäude herum, vorbei an wild wachsenden Sträuchern und einem umgestürzten Bauzaun. Hinter einem halb verrosteten Container lag eine schwere Metalltür.

Vor der Tür standen drei Leute und rauchten.

Eine Frau mit rasierten Seiten und einem langen schwarzen Mantel nickte Phil zu. Den Mann neben ihr kannte er offenbar ebenfalls. Sie wechselten ein paar Worte, die ich wegen des Basses und ihrer gedämpften Stimmen nicht verstand. Dann sah der Mann zu mir. Nicht misstrauisch. Eher prüfend.

"Sauber?", fragte er skeptisch.

„Gehört zu mir - kannst mir vertrauen“, sagte Phil.

Der Mann hielt meinen Blick noch einen Moment fest und griff anschließend nach meiner Hand. Bevor ich verstand, was er vorhatte, drückte er mir einen kleinen schwarzen Stempel auf die Innenseite des Handgelenks. Zwei ineinander verschobene Quadrate. Kein Name, kein Logo.

„Handy bleibt in der Tasche“, sagte er.

„Klar, mache ich sowieso.“

Er hob eine Augenbraue und musterte mich. Nicht abwertend. Eher so, wie man auf einem Flohmarkt prüft, ob ein Elektrogerät noch funktioniert.

„Sagen alle.“

Die Tür fiel hinter uns mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Dahinter führte eine schmale Treppe in die Tiefe. Die Wände waren mit alten Aufklebern, Schablonengraffiti und handgeschriebenen Botschaften bedeckt. Manche ließen sich kaum noch entziffern.

Je weiter wir hinuntergingen, desto wärmer wurde die Luft.

ICEY.. von Fred again

I'M IN IT

I'M IN IT

I'M IN IT

Der Bass nahm dem Körper nach und nach den eigenen Rhythmus. Er lag im Brustkorb, in den Zähnen und irgendwo tief hinter den Augen. Selbst das Geländer vibrierte unter meiner Hand.

Der erste Eindruck war Nebel. Grauer, milchiger Dunst stand so dicht im Raum, dass die gegenüberliegende Wand nur in Umrissen zu erkennen war. Ein Teil kam aus zwei kleinen Nebelmaschinen, die auf Getränkekisten unter der Decke standen. Der Rest bestand aus Zigaretten- und Jointqualm, der in langsamen Schichten durch die Luft zog. Es roch nach kaltem Beton, verschüttetem Bier, süßlichem Rauch und warmer Elektronik. Der Raum war kleiner, als ich erwartet hatte.

In der Mitte standen zwei einfache Tische, darauf ein Mischpult, zwei Plattenspieler und ein Laptop. Kein Podest, keine Absperrung. Der DJ war Teil der Menge. Das Licht kam aus mehreren Richtungen und schien trotzdem nirgendwo richtig hell zu sein.

Nicey, nicey

I'm so icy

You wanna, you wanna light it up so brightly

Zwei alte Baustrahler warfen schmale gelbe Kegel über die Wände. Darüber flackerte eine rote Röhre in unregelmäßigen Abständen. Immer wenn sie für einen Sekundenbruchteil aussetzte, schwebten nur noch kleine glühende Punkte im Nebel.

Zigaretten.

Joints.

Ein kurzes rotes Aufflammen, wenn jemand daran zog. Danach verschwand das Gesicht wieder im Dunst.

An der linken Wand stand die Bar. Ein improvisierter Tresen aus Paletten und Holzbrettern unter einer lückenhaften Lichterkette. Dahinter stapelten sich Flaschen in Regalen. Die Szene wirkte nicht gefährlich, nur verborgen. Manche tanzten, andere saßen redend auf ausrangierten Sofas oder spielten Karten auf einer Kabeltrommel. Ein Mann mit nacktem Oberkörper tippte auf sein Handy; zwei andere diskutierten im dichten Rauch über einen Film. Einzig die Leute, die sich gegenseitig Pillen auf die Zunge legten, waren mir äußerst suspekt. Der Ort hatte Regeln. Nur völlig andere als draußen.

Phil legte mir die Hand an den Oberarm.

„Komm kurz mit.“

Er ging an der Bar vorbei zu einer niedrigen Tür am hinteren Ende des Raumes. Darüber klebte ein verblichenes Schild mit der Aufschrift „Lager“. Direkt neben der Tür hatte irgendjemand mit Filzstift "Rauchen verboten" durchgestrichen und darunter "Versuch's doch" geschrieben.

Er klopfte zweimal, wartete kurz und öffnete dann, ohne eine Antwort abzuwarten.

Der Raum dahinter war kaum größer als ein gewöhnliches Wohnzimmer.

Zwei abgewetzte Sofas standen an den Wänden. Dazwischen ein niedriger Couchtisch voller Brandflecken, Flaschenringen und eingeritzten Namen. Ein Ventilator bewegte mehr Rauch als Luft. Sieben Menschen saßen im Raum verteilt.

Ein breitschultriger Mann mit kurz rasiertem Kopf lehnte in einem Sessel am Fenster. Er trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt und eine dünne Goldkette. Vermutlich war er derjenige, zu dem Phil wollte.

Phil ging zu ihm, beugte sich hinunter und sagte etwas, das im Bass unterging.

Der Mann streckte die Hand aus. Phil zog ein fest in Plastik gewickeltes Paket unter seinem Hoodie hervor und legte es hinein.

Ich sah bewusst weg und steckte die Hände in die Taschen. Das wirkte allerdings, als hätte ich selbst etwas zu verbergen, also nahm ich sie wieder heraus.

„Setzt euch“, sagte der Mann. Seine Stimme war ruhig.

Phil nahm auf der Armlehne eines Sofas Platz. Für mich blieb nur eine freie Stelle zwischen einem schmalen Typen mit runder Brille und einer Frau mit dunkelblondem Haar.

Die Frau zog die Beine ein Stück an, damit ich Platz hatte. Sie trug eine dunkle Jeans, schwere schwarze Schuhe und ein schlichtes weißes Oberteil unter einer verwaschenen Jeansjacke. Ihre Haare fielen offen über die Schultern und wirkten im gelblichen Licht beinahe kupferfarben.

„Sorry“, sagte ich.

„Du hast nichts gemacht.“ - Ihre Stimme klang amüsiert.

Phil war bereits wieder in ein Gespräch mit dem Mann im Sessel vertieft. Ich verstand einzelne Wörter. Namen. Mengen. Irgendetwas über den Abend. Ich versuchte nicht genauer hinzuhören.

Der Typ mit der Brille reichte mir eine Flasche Bier.

„Neu hier?“

„Sieht man das so deutlich?“

Die Frau neben mir lachte leise in ihre Handfläche.

„Du hast beim Reinkommen die ganze Zeit nach einem Notausgang gesucht.“

„Habe ich nicht.“

„Doch.“

„Vielleicht mag ich einfach Brandschutz.“

„Dann bist du hier genau richtig“, sagte der Typ und deutete auf ein Kabel, das mit schwarzem Klebeband quer über die Wand geführt wurde.

Zum ersten Mal an diesem Abend musste ich ehrlich lachen.

Ich nahm das Bier entgegen.

„Jonas.“

„Ben.“

Er zeigte einmal mit der Flasche in die Runde. Die Namen gingen teilweise im Lärm unter. Lea. Tom. Irgendjemand namens Mo. Die Frau neben mir wartete, bis die anderen fertig waren.

„Marisa.“

„Hi.“

„Hi, Brandschutzbeauftragter.“

Sie hob ihre Flasche gegen meine.

Ben erzählte von einer Statistik-Prüfung, Lea stöhnte wegen eines Referats am selben Tag.

„Was studiert ihr eigentlich alle?“, fragte ich.

Die Runde stellte sich vor: Medien, Wirtschaftsinformatik, Theaterpädagogik. Lea trug ein Shirt mit der Aufschrift SATAN LOVES YOU.

Menschen sind vielseitig - dachte ich mir.

Bei mir tippten sie auf Lehrer oder „irgendwas mit Computern“. Letzteres ist eine der sichersten Antworten unserer Zeit.

Der Mann im Sessel war verschwunden; Phil redete am Regal hektisch mit zwei anderen.

Schließlich blieb nur noch Marisa. Sie hielt ihre Flasche locker zwischen beiden Händen und sah mich erwartungsvoll an.

Ich musterte sie nicht von oben bis unten. Jedenfalls versuchte ich es nicht. Stattdessen suchte ich nach irgendeinem Hinweis. Keine Handtasche. Keine Fachbücher. Kein Schmuck, aus dem man etwas hätte ableiten können.

„Du…“

„Ja?“

„Ich hätte jetzt auf…“

„Aktmodel“, unterbrach sie mich und nahm einen Schluck Bier. „Und OnlyFans“, fügte sie selbstbewusst hinzu

Sie sagte es so beiläufig, als hätte sie mir gerade erklärt, dass sie in einer Bäckerei arbeitete.

Ben grinste in seine Flasche, Lea beobachtete uns neugierig. Offenbar kannten sie dieses Spiel bereits.

„Ach“, sagte ich.

Marisa zog eine Augenbraue hoch. „Ach?“

„Ich überlege noch, wie weit ich danebenlag.“

„Was wolltest du sagen?“

„Architektur.“

Sie sah mich entgeistert an und lachte plötzlich so herzlich los, dass sie fast ihr Bier verschüttete.

„Architektur? Was an mir schreit denn nach Architektur?“

„Du sitzt sehr strukturiert.“

„Das ist die schlechteste Erklärung, die ich je gehört habe.“

„Aber du wirst dich immer daran erinnern“, konterte ich mit einem Zwinkern.

Lea legte Marisa eine Hand auf den Oberschenkel. „Sie hat tatsächlich mal Innenarchitektur studiert. Ein Semester.“ „Zwei“, korrigierte Marisa.

„Dann war ich gar nicht so schlecht.“

„Du hattest einfach unfassbares Glück.“

Ich wartete auf einen dummen Kommentar aus der Runde über Geld oder Nacktbilder. Niemand tat es. Das Thema war hier längst normal.

„Macht es dir Spaß?“, fragte ich sie stattdessen.
Sie sah mich überrascht an und erzählte plötzlich vom unsichtbaren Teil ihrer Arbeit: Licht, Perspektiven und dem Wunsch, Kunst statt Kopien zu schaffen. Ich hörte fasziniert zu. Den Großteil fotografierte sie selbst per Stativ, Fernauslöser und mit viel Fluchen, wenn die Technik streikte. Je länger wir redeten, desto mehr verschwand das typische OnlyFans-Klischee. Vor mir saß einfach eine Frau, die leidenschaftlich über ihren Job sprach.

„Die meisten denken, man zieht sich aus, drückt auf einen Knopf und verdient Geld.“

„Ist es nicht so?“ - Ich sagte es mit Absicht trocken.

Sie stieß mich leicht mit dem Ellenbogen an. „Arsch.“

Sie lächelte mich an. Es fühlte sich nicht wie Flirten an. Eher wie das unerwartete Gefühl, in einem fremden Raum jemanden gefunden zu haben, mit dem man einfach reden konnte.

Phil tauchte plötzlich vor mir auf. Seine Pupillen wirkten größer als vorher.

„Ich bleibe noch ein bisschen.“

„Das war nicht der Plan.“

Er behauptete, es gehe ihm gut und er würde schon jemanden finden, der ihn nach Hause brachte. Ich hätte diskutieren müssen. Doch als ich ihn ansah, wusste ich, dass er mir an diesem Ort ohnehin nicht folgen würde. Vielleicht war das feige. Vielleicht war es notwendig. Manchmal liegen diese beiden Dinge erschreckend nah beieinander.

Er versprach, dass wir morgen reden würden und verschwand anschließend durch die Tür.

„Schwieriger Abend?“, fragte Marisa.

„Schwieriger Freund.“

Sie nickte nur. Keine neugierigen Fragen. Kein aufgesetztes Mitgefühl.

Eine halbe Stunde später war Lea auf der Tanzfläche verschwunden und Marisa stand wieder neben mir an der Bar. Durch den Nebel sah ich Lea mit Ben tanzen, Phil war nirgends zu sehen. An der Wand glühte wieder eine Zigarette auf und verschwand im nächsten Lichtwechsel. Auf ihre Analyse, dass ich aussah, als würde ich warten, entgegnete ich ihr, dass ich jetzt einen Polnischen machen werde.

„Fährst du zufällig Richtung Innenstadt?“

Tat ich nicht - „Ja“, antwortete ich trotzdem.

Manchmal trifft man Entscheidungen, bevor der Verstand anwesend ist.

Sie kam ein Stück näher, zog meinen Kopf dichter an ihren und fragte mich, ob ich sie mitnehmen könnte.

Ich bejahte, solange es keine Weltreise wird.

Während sie ihr Glas leerte, erzählte sie, dass der Bunker eigentlich nicht ihre Welt sei. Zu viele Leute hier versuchten krampfhaft, geheimnisvoll zu wirken. Marisa nahm sich davon natürlich aus: Sie sei nicht nur geheimnisvoll, sondern undurchschaubar - Aktmodell, Architektin und völlig frei von Selbstzweifeln. Ich ließ ihr gerne diese Vorstellung.

Sie verabschiedete sich von Lea, die ihr etwas ins Ohr flüsterte und dabei mehrfach zu mir sah. Marisa verdrehte die Augen und schob sie lachend weg.

Draußen traf uns die kühle Nachtluft wie eine Wand. Nach der Wärme und dem schweren Dunst fühlte sie sich beinahe sauber an. Erst jetzt bemerkte ich, wie stark meine Kleidung nach Rauch roch. Marisa zog ihre Jacke enger um den Körper und ging neben mir zum Auto.

Sie nannte mir ihre Adresse. Die Fahrt dauerte knapp zwanzig Minuten.

Während der Fahrt war sie deutlich ruhiger als im Bunker. Nicht unangenehm ruhig. Sie schaute aus dem Fenster, beobachtete die vorbeiziehenden Straßen und summte irgendwann leise zu einem Lied aus dem Radio. Ich wusste nicht, ob ich ein Gespräch beginnen sollte.

Also tat ich es nicht.

Das war für mich ungewöhnlich. Normalerweise versuchte ich Stille schnell mit irgendetwas zu füllen. Wetter. Verkehr. Die Frage, ob jemand schon einmal darüber nachgedacht hatte, warum Handschuhfach eigentlich Handschuhfach hieß, obwohl dort niemand Handschuhe aufbewahrte. Bei Marisa fühlte sich die Stille jedoch nicht leer an. Sie war einfach da.

Ein kühler Luftzug drang sofort ins Auto, als sie das Fenster einen Spalt öffnete. Sie nahm den Kragen ihrer Jacke zwischen zwei Finger, zog ihn zu sich, roch daran und verzog das Gesicht.

„Gott, ich rieche wie eine Kneipe aus den Neunzigern.“

Ich musste nicht einmal an meiner eigenen Kleidung riechen, um zu wissen, dass es mir genauso ging.

Mit dem Kopf an die Scheibe gelehnt blickte sie nach draußen. Im wechselnden Licht der Straßenlaternen wirkte sie müde. Nicht betrunken oder erschöpft auf eine unangenehme Art. Eher so, als hätte sie für einen Abend genug Menschen, Musik und künstlichen Nebel gesehen. Nach einer Weile kam sie noch einmal auf die Fotografie zurück. Offenbar konnte sie immer noch nicht ganz glauben, dass mein gesamtes Fachwissen darin bestand, eine Kamera festzuhalten und hoffnungsvoll auf den Auslöser zu drücken.Das war ihrer Meinung nach immerhin mehr, als manche Fotografen beherrschten. Viele besaßen wohl hauptsächlich teure Kameras und die Fähigkeit überzeugend zu nicken.

„Das kann ich auch.“

Marisa sah kurz zu mir.

„Du nickst eher skeptisch.“

Ich nickte skeptisch. „Ist professioneller.“

Ihr Blick verweilte noch kurz auf mir, bevor sie sich wieder dem Fenster zuwandte. In der dunklen Scheibe sah ich, wie sie lächelte.

Ihr Haus lag in einer ruhigeren Seitenstraße. Ein alter, viergeschossiger Altbau mit dunkler Backsteinfassade und einem schmalen Eingang zwischen zwei hohen Fenstern. Ich parkte gegenüber.

„Danke“, sagte sie und löste den Sicherheitsgurt.

„Gerne.“

Sie legte die Hand bereits an den Türgriff, blieb dann aber sitzen und sah mich prüfend an.

„Ich müsste in meiner Wohnung dringend mal die Fluchtwege überprüfen lassen“, sagte sie mit einem leisen Lächeln. „Interesse, Brandschutzbeauftragter?“

Ich schmunzelte und sah auf die Uhr im Armaturenbrett. „Um halb eins?“

„Sicherheit kennt keine Uhrzeit. Außerdem habe ich Wasser. Und warmes Bier, falls du mutig bist.“

„Das Wasser reicht mir völlig.“

Sie stieg aus.

Ich saß noch einen Moment allein im Auto.

Es gab keinen vernünftigen Grund, mitzugehen.

Genau genommen gab es mehrere gute Gründe, es nicht zu tun. Ich kannte sie seit wenigen Stunden. Der Abend war längst seltsam genug gewesen. Und irgendwo in diesem Keller befand sich Phil, der in irgendwelche zwielichtigen Geschäfte verwickelt war.

Dann drehte Marisa sich auf dem Gehweg zu mir um.

„Kommst du?“

Ich schaltete den Motor aus.

Das Treppenhaus roch nach Holz, altem Stein und irgendeinem Essen, das ein Nachbar vermutlich Stunden zuvor gekocht hatte. Der Boden bestand aus abgetretenen dunklen Fliesen. An den Wänden verlief ein schmales Messinggeländer, das bei jedem Schritt leise vibrierte. Ihre Wohnung passte nicht zu dem Bild, das ich mir unbewusst gemacht hatte.

Ich hatte etwas Modernes erwartet. Glatte weiße Möbel, sterile Flächen, vielleicht irgendeine überteuerte Designerlampe. Stattdessen war es warm.

Hohe Decken. Alter Dielenboden. Dunkelgrüne Wände im Flur. Auf einer schmalen Kommode lagen Schlüssel zwischen Kerzen, eine halb vertrocknete Blume und ungeöffnete Briefe.

Es sah nicht aus wie die Wohnung einer Frau aus einem erotischen Werbevideo.

Es sah aus wie eine Wohnung.

Diese Feststellung klingt dümmer, als sie gemeint ist.

„Ignorier das Chaos“, sagte sie.

„Welches Chaos?“

„Das sagen nur Menschen, die Chaos nicht erkennen.“

Ich musste unwillkürlich schmunzeln.

Sie knipste das Flurlicht an und griff noch im selben Moment nach ihrem Handy.

Ihr Gesicht veränderte sich augenblicklich. Das unnahbare Lächeln aus dem Auto war weg. Im fahlen Licht des Displays wirkte sie plötzlich gestresst. Ihre Finger flogen nervös über den Bildschirm, öffneten Statistiken und scrollten durch Benachrichtigungen. Sie biss sich auf die Unterlippe, bis die Haut weiß wurde. Für einen Moment war ich komplett abgemeldet. Sie wirkte wie eine Gefangene dieses ständigen Drucks nach Klicks und Bestätigung.

Ich blieb an der Tür stehen und öffnete gelassen die Wasserflasche, die sie mir hingestellt hatte.

„Und?“, fragte ich leise. „Hat der Brandschutzbeauftragte im Internet gut abgeschnitten oder müssen wir das Marketing optimieren?“

Marisa schreckte hoch. Ein Funke Unsicherheit blitzte in ihren Augen auf, als schäme sie sich, ertappt worden zu sein. Dann seufzte sie, und ihre Schultern sackten nach unten.

„Das System verzeiht keine Pausen.“, gestand sie mit matter Stimme.

„Das System hat ja auch kein warmes Bier zu Hause“, konterte ich und hielt ihr das Wasser hin. „Trink erst mal was. Die digitale Welt brennt in den nächsten fünf Minuten nicht ab.“

Sie starrte mich an, bevor sich ein echtes, erleichtertes Lächeln auf ihre Lippen schlich. Sie legte das Handy mit dem Display nach unten weg und nahm die Flasche.

„Danke“, sagte sie leise. Ihr Blick war wieder intensiv, aber jetzt viel realer. „Du bist ein verdammt guter Brandschutzbeauftragter, Jonas.“

Die künstliche Fassade war weg. Was blieb, war eine ehrliche, greifbare Nähe.

Auf der Arbeitsplatte lagen eine Kamera und Objektive zwischen einer Obstschale und einer toten Pflanze.

„Da ist sie“, sagte Marisa, als sie meinen Blick bemerkte, und goss uns Wasser ein.

Ich nahm das Gehäuse vorsichtig in die Hand - eine Sony Alpha 6400. Sie lag überraschend leicht in meinen Fingern. Marisa setzte sich mit angewinkeltem Bein auf die Arbeitsplatte und erklärte, dass sie damit ihre spontanen Bilder machte.

Je länger sie erzählte, desto deutlicher wurde, wie viel unsichtbare Arbeit hinter einem einzigen perfekten Foto steckte. Stunden voller Lichtsetzung und Fehlschlägen. Doch sie liebte den Prozess. Die Möglichkeit, etwas genau so aussehen zu lassen, wie es sich in ihrem Kopf anfühlte. Nur Menschen seien schwieriger. Bilder verlangten keine kostenlosen Proben.

„Stört dich das nicht?“, fragte ich vorsichtig. „Wenn Leute dich darauf reduzieren?“

Sie sah in ihr Glas. Zum ersten Mal dauerte ihre Antwort länger.

„Manchmal“, sagte sie leise. „Die Leute glauben, weil man bestimmte Bilder veröffentlicht, hätten sie Anspruch auf den Rest. Auf deine Zeit. Deinen Körper. Als wäre jede Grenze nur eine Verhandlung.“

Ihr Blick durchbohrte mich. Ich schwieg. Nicht, weil mir nichts einfiel, sondern weil jeder Erklärungsversuch nur wie der plumpe Beweis geklungen hätte, dass ich anders war.

„Du fragst anders“, stellte sie schließlich fest. „Nicht klüger. Nur so, als würdest du die Antwort tatsächlich hören wollen.“

Ich wusste nicht, was man darauf erwiderte. Also tat ich etwas, das mir normalerweise schwerfiel - Ich hielt den Mund.

Über den Rand ihres Glases hinweg betrachtete sie nachdenklich die Wand. Dann rutschte sie plötzlich von der Arbeitsplatte und sah mich an, als hätte sie soeben die letzte Nachkommastelle von Pi gefunden.

Sie nahm die Kamera und ging entschlossen aus dem Raum.

„Komm, wir probieren etwas.“

Nur dieser Satz.

Ich folgte ihr zum Schlafzimmer am Ende der Wohnung. Es war sofort als Arbeitsplatz erkennbar – nicht, weil es steril wirkte, sondern präzise inszeniert. Vor einer Backsteinwand stand ein gemütliches Metallbett flankiert von Büchern, Pflanzen und gedimmtem Licht. Den eigentlichen Zweck verrieten erst das Ringlicht und die Softbox in den Ecken. Der gesamte Raum war in ein tiefes Dunkelgrün getaucht, das sich von den Kissen über die Vorhänge bis zu einer matt gestrichenen Wand zog.

Sie stellte die Kamera auf das Stativ, drehte am Verschluss und kontrollierte das Objektiv.

Dann schaltete sie eine der Lampen ein.

Innerhalb einer Sekunde sah das Schlafzimmer völlig anders aus.

Das warme Licht strich seitlich über das Bett und ließ die Backsteinwand unregelmäßig aufglühen, während der Rest des Raumes in weichen Schatten verschwand.

Sie zog die Jeansjacke aus und legte sie über einen Stuhl.

„Kannst du mal hier durchsehen?“

„Jetzt?“

„Nein, nächste Woche“, sagte sie sarkastisch.

Ihr Humor gefiel mir und entlockte mir trotz der vermutlich rot blinkenden Überforderungsanzeige auf meiner Stirn ein flüchtiges Lächeln.

Ich trat hinter das Stativ und blickte auf das Display. Durch die Kamera wirkte der Raum kleiner. Geordneter. Alles Unwichtige verschwand außerhalb des Bildausschnitts. Übrig blieben das Bett, die Lampe und die warm beleuchtete Backsteinwand.

Sie setzte sich auf die Bettkante und bat mich um eine Einschätzung bezüglich der Lichtverhältnisse.

Ich hatte keine Ahnung. Das sagte ich ihr auch.

Sie stand auf, trat neben mich und dabei beugte sie sich so nah an das Display, dass ihr Haar kurz meinen Arm streifte. Eine harmlose Berührung - versuchte ich mir einzureden. Ihr Gesicht befand sich plötzlich direkt neben meinem. Ich nahm ihren Duft wahr. Etwas Warmes, leicht Süßliches. Nicht aufdringlich. Man bemerkte es erst, wenn sie einem ohnehin schon zu nahe war.

In den nächsten Minuten erklärte sie mir die wichtigsten Einstellungen. ISO, Verschlusszeit und Blende. Drei Begriffe, die ich schon vorher kannte und danach trotzdem nicht wesentlich besser verstand.

Sie drehte an kleinen Rädchen, zeigte auf Zahlen und erklärte, welche Einstellung das Bild heller machte und welche dafür sorgte, dass es irgendwann aussah, als hätte man es mit einem Toaster aufgenommen. Ich verstand vermutlich die Hälfte. Vielleicht weniger.

„Du musst nicht alles verstehen. Achte erst einmal nur darauf, dass ich scharf bin.“

An dieser Stelle lag mir ein ausgesprochen dummer Kommentar auf der Zunge. Mein Körper verweigerte jedoch die Freigabe. Stattdessen sagte ich etwas über Verantwortung und fuhr mir mit einer Hand durchs Gesicht, als könnte ich dadurch sämtliche Gedanken löschen, die dort gerade entstanden. Guess what - Funktionierte nicht.

Marisa ging zurück zum Bett und führte mich durch das erste Foto. Auslöser halb drücken. Warten, bis der Autofokus ihr Gesicht fand. Danach ganz durchdrücken. Der Verschluss klickte.

Sie saß einfach nur da. Ein Bein angewinkelt, die Hände neben sich auf der Decke. Keine außergewöhnliche Pose. Kein verführerischer Blick.

Ich hatte eine Frau auf einem Bett fotografiert. Technisch betrachtet ein voller Erfolg.

Ich machte noch ein Bild.

Dann noch eins.

Und noch eins.

Alle sahen aus, als hätte jemand seine Schwester auf einer Familienfeier fotografiert. Ich wartete jedes Mal verkrampft darauf, dass sie vollkommen stillsaß.

Marisa kam zu mir und betrachtete die Aufnahmen.

„Du stehst zu weit weg.“

„Ich wollte nicht direkt in deinen persönlichen Bereich marschieren.“

„Für das Foto schon.“

Sie trat hinter mich, legte die Hände auf meine Schultern und schob mich näher ans Bett. Ihre Finger legten sich um meine rechte Hand, um meinen verkrampften Griff zu lockern. Für sie war es pure Routine. Mein Körper bewertete die Situation völlig anders.

Sie trat wieder zurück. Ich atmete aus. Unauffällig. Zumindest hoffte ich das.

Sie setzte sich erneut, den Oberkörper leicht zum Fenster gedreht. Das warme Licht der Stehlampe warf tiefe Schatten über ihr Gesicht. Ich hob die Kamera. Sie sah nicht direkt hinein. Der erste echte Moment entstand, als sie kurz nach unten blickte und mit dem Daumen über einen ihrer Ringe strich. Klick

Überrascht blitzten ihre Augen direkt in meine Richtung.

„Das war gut“, sagte sie.

Sie konnte das Foto unmöglich gesehen haben. Trotzdem hatte sie recht.

Ich begann, weniger über die Technik nachzudenken. Stattdessen achtete ich auf das Licht. Auf ihre Hände. Auf die Art, wie einzelne Haarsträhnen über ihre Wange fielen.

Sie stand wieder auf, huschte zur Kamera und gemeinsam sahen wir uns die Bilder an.

Die ersten waren katastrophal. Zu viel Bett. Zu wenig Marisa. Auf einer Aufnahme fehlten ihr beinahe die Füße. Auf einer anderen hatte der Autofokus beschlossen, dass die Nachttischlampe eindeutig das interessantere Motiv war.

„Das hier ist Kunst“, sagte ich stolz.

„Das hier ist eine Lampe“, erwiderte sie und presste die Lippen aufeinander, um nicht zu lachen.

Dann erschien die letzte Aufnahme, die ich gemacht hatte.

Ihr Gesicht war nur teilweise zu sehen. Eine Haarsträhne lag über ihrer Wange. Ihr Blick ruhte auf dem Ring, als läge darin eine Geschichte verborgen, die nur sie verstehen konnte. Das warme Licht traf sie seitlich, während der Rest ihres Körpers langsam in den Schatten verschwand.

Sie vergrößerte und betrachtete es in völliger Ruhe.

„Okay“, murmelte sie sanft.

„Was?“

„Gib mir einen Moment.“

Sie legte leise Musik auf.

Ein treibender, warmer Song erfüllte den Raum und schien sich zwischen das gedämpfte Licht und die Stille zu legen.

Romantica von YannaY

Marisa öffnete eine Schublade der Kommode und nahm ein langes weißes Shirt heraus.

„Ich ziehe mich kurz um.“

Ich deutete bereits halb zur Tür - „Soll ich…?“ - doch sie meinte, ich könne mich einfach umdrehen.

Ich konzentrierte mich auf ein gerahmtes Foto über der Kommode. Bis heute könnte ich auch nicht sagen, was darauf abgebildet war. Vielleicht eine Landschaft. Vielleicht ein wütender Dachs. Ich betrachtete es trotzdem mit der Ernsthaftigkeit eines Kunsthistorikers, während hinter mir ein Reißverschluss geöffnet wurde, Sachen zu Boden fielen und die flüsternde Stimme im Song immer wieder verschwörerisch dasselbe Wort wiederholte. Romantica

„Du kannst wieder.“

Als ich mich umdrehte, trug sie das weiße Shirt. Es reichte ihr bis zur Mitte der Oberschenkel und war deutlich zu groß. Darin wirkte sie weniger wie ein Model. Eher wie jemand, der gerade aufgestanden war und noch nicht entschieden hatte, ob der Tag überhaupt beginnen durfte.

Sie zupfte kurz am Saum und bat mich, nicht zu lachen.

„Warum sollte ich?“

„Weil das Shirt riesig ist.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Sieht doch bequem aus.“

„Unglaublich gemütlich“, stimmte sie zu, während sie die Arme in die Luft streckte und sich einmal langsam im Kreis drehte. Dabei rutschte der Stoff an ihren Oberschenkeln nach oben und gab die nackte Haut preis, die auch der graue Slip nicht verdecken konnte. Nur kurz, aber lang genug.

Sie setzte sich wieder auf die Bettkante. Das warme Licht fiel seitlich durch den dünnen Stoff ihres Shirts und ließ mehr erkennen, als ich für meine geistige Stabilität gebrauchen konnte. Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht völlig die Fassung zu verlieren, wandte den Blick ab und nahm einen viel zu großen Schluck Wasser. Sie bemerkte meinen Ausfall natürlich -sie bemerkte alles.

Als ich wieder zur Kamera griff, ging das Fotografieren leichter. Ich hielt die Gedanken im Zaum und kontrollierte den Autofokus, während Marisa kaum noch Anweisungen gab, sondern einfach posierte.

Schließlich hob ich die Kamera für das nächste Bild. „Warte.“

Marisa zog eine Augenbraue hoch. „Du gibst jetzt Anweisungen?“

„Nur eine. Dreh dich etwas zum Licht. Kinn runter.“

Sie folgte meiner Stimme. Die warme Helligkeit strich über ihre Wange und ihren Hals, während die andere Gesichtshälfte im Schatten blieb.

„Und jetzt denk an jemanden, der dich unterschätzt hat.“

Ihr Blick wurde schmaler. Das Lächeln verschwand, doch ein herausfordernder Zug blieb in ihrem Mundwinkel zurück. In diesem Moment sah sie nicht schön aus, weil sie es versuchte - sie sah gefährlich aus, weil sie es nicht musste.

Ich drückte ab. Klick

„Gut?“, fragte sie leise.

Ich nahm die Kamera herunter und atmete aus. „Leider sehr.“

Marisa rutschte auf dem Bett näher heran, um die Aufnahmen zu kontrollieren. Sie scrollte durch die letzten Bilder bis sie genau bei dem Schnappschuss hängen blieb, den ich kurz zuvor heimlich gemacht hatte: Ihr Mund stand halb offen, sie verdrehte die Augen und sah aus wie nach drei schlaflosen Nächten. Für mich das authentischste Bild des Abends.

„Lösch es“, befahl sie in einem ungewohnt ernsten Tonfall.

„Vielleicht geht das ja viral“, versuchte ich zu beschwichtigen.

Sie kniff die Augen zusammen und ermahnte mich leise: „Jonas.“

„Ist weg“, log ich sanft und drückte auf die Weiter-Taste.

Die Stimmung kippte nicht, aber sie veränderte sich. Sie wurde ruhiger. Die Witze verschwanden nicht komplett, aber zwischen ihnen entstanden nun längere, aufgeladene Pausen, während wir - Na ja - arbeiteten?

Nun lag sie seitlich auf dem Bett, den Kopf auf einem Arm. Das Shirt war an ihrer Hüfte leicht hochgerutscht. Nicht weit. Es zeigte nichts, was ich nicht bereits gesehen hatte. Dennoch bemerkte ich, wie vorsichtig ich plötzlich durch den Sucher sah und sie bemerkte es ebenfalls.

„Lass uns mal etwas gewagtes ausprobieren“, schlug sie vor, als sie sich wieder aufrichtete.

Ich dachte mir nicht viel dabei und verließ kurz den Raum, um mir ein frisches Glas Wasser zu holen.Als ich den Raum wieder betrat, bereute ich sofort mir nicht direkt einen ganzen Eimer geholt zu haben.Das weiße Shirt, welches vor wenigen Sekunden noch ein Geheimnis bewahrte, verzierte nun den Boden.

Kniend auf dem Bett verdeckte sie mit einem Arm ihre Brüste und schaute mich mit einem weichen Blick an.Lediglich ihr Slip war noch geblieben. Ein schmaler Streifen Stoff zwischen Nähe und vollständiger Offenheit.

„Du kannst näher kommen“, flüsterte sie selbstbewusst und verletzlich zugleich.

Mit einer zögerlichen Bewegung strich sie sich die Haare hinter das Ohr und wartete.Meine Hände griffen nach der Kamera. Meine Füße machten vorsichtige Schritte in ihre Richtung.

„Wenn es dir unangenehm ist, dann können wir abbrechen“, flüsterte sie wieder so leise, als wäre es ein Geheimnis.

„Geht schon klar“, spielte ich es herunter, als würde ich das tagtäglich machen.

Als sie meine Worte hörte, ließ sie langsam den Arm sinken und enthüllte ihre Brüste vollständig.Ich schluckte schwer. Trotzdem blieb ich nicht stehen. Der Moment zog mich beinahe magnetisch weiter zu ihr. Direkt neben dem Bett stehend, wartete ich auf die nächste Anweisung.

Marisa blickte kurz zu mir, dann auf die freie Fläche neben ihrem Körper. Schließlich deutete sie mit einem Finger nach oben.

„Von oben.“

Ich folgte ihrer Bewegung mit dem Blick, als könnte sich an der Zimmerdecke eine offensichtliche Lösung befinden.

„Du meinst, ich soll mich über dich stellen?“

Sie nickte.

Mein Blick wanderte vom Bett zu ihr und wieder zurück. Die Matratze war weich, der Platz begrenzt und nichts an dieser Situation wirkte so, als hätte ich sie schon einmal geübt.

„Aufs Bett?“

Marisa sah mich an, als würde sie ernsthaft über eine Alternative nachdenken.

„Nein, schwebend.“

Für einen Moment hielten wir beide die ernste Miene. Dann mussten wir herzhaft lachen. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber er genügte. Die Spannung verschwand nicht vollständig. Sie verlor lediglich ihre Schwere und ließ uns beide wieder atmen.

Ich legte die Kamera vorsichtig neben sie und stieg aufs Bett. Die Matratze gab spürbar unter meinem Gewicht nach. Ohne sie zu berühren, kniete ich über ihr. Ein Knie links von ihrer Hüfte, das andere auf der freien Seite. Aus dieser Perspektive wirkte der Raum vollkommen anders. Sie wirkte vollkommen anders. Der Hintergrund verschwand. Nur die gemusterte Bettdecke, ihr dunkelblondes Haar und ihre Weichheit blieben im Bild.

Ich nahm die Kamera wieder hoch. Blickte durch den Sucher. Der Autofokus fand ihre Augen. Sie sah direkt in die Kamera.

Ihr Blick war ruhig. Nicht lasziv. Nicht unschuldig. Einfach aufmerksam.

Der Verschluss klickte. Noch einmal.

Bei den nächsten Bildern hob sie eine Hand und strich mit den Fingerspitzen sanft über ihren Körper, umkreiste ihre Rundungen, spielte mit ihrem Gesicht, ihrem Blick, den Lippen, ihrem Haar. Nicht inszeniert. Eher so, als würde sie fühlen, wie das Licht über ihre glatte Haut fiel. Unverschämt natürlich. Völlig roh.

Sie experimentierte mit Licht, Perspektiven und Stimmungen - so selbstverständlich, wie andere ein Instrument spielten oder eine Leinwand bemalten.

Ich wechselte mehrfach die Position. Mal über ihr kniend, mal stehend oder mal seitlich neben ihr liegend.

Die Nervosität, gepaart mit der Versuchung, eine einzige Berührung zu wagen, hätte verboten werden sollen.

„Hast du noch genug Konzentration?“, fragte sie.

Ich nickte einmal, knapp und ernst. Kurz darauf gab sie mir die Anweisung mich am Bettende zu positionieren. Ohne zu hinterfragen befolgt ich die Anweisung.

Mein Blick fokussierte das Display und ich traute meinen eigenen Augen nicht mehr, als ich auf dem kleinen Bildschirm sah wie sie ihre Beine anwinkelte und leicht spreizte. Ihre Finger glitten zum Stoff ihrer Mitte und verschwanden in selbigem.

Für einen Wimpernschlag schien selbst der Autofokus überfordert und wusste nicht, welchem Detail er zuerst seine Aufmerksamkeit schenken sollte.

Die Kamera wog auf einmal das Zehnfache. Eine beklemmende Hitze durchquerte meinen Körper und mein Herz wechselte immer wieder von Stillstand zu Technoparty.

Ich beobachtete nicht mehr - ich starrte. Mit geschlossenen Augen bewegte sich ihre Hand ganz zärtlich unter dem dünnen Stoff auf und ab. Ihre Wangen erröteten und erstrahlten in einem tiefen Kirschrot. Ihre Zähne tanzten auf ihrer Unterlippe. Ihr Atem wurde schwerer, aber nicht schneller. Im Stoff zeichnete sich die Kontur ihres Fingers ab, der sich krümmte und dann langsam kreisende Bewegungen machte. Ein perfekter Rhythmus - gefangen in einer scheinbar nie endenden Zeitschleife.

Ein letztes Mal hob ich die Kamera. Ihr Atem brach sich in einem heißen Stöhnen, und genau in diesem Moment drückte ich ab.

Ohne jede Körperbeherrschung brach ein raues „Fuck“ aus mir heraus.

Marisa sah nicht mehr zur Kamera.

Sie sah mich an.

„Jonas?“

„Hm?“

„Du atmest nicht.“

Ich nahm einen tiefen Zug und ließ die Luft hektisch aus meinen Lungen entweichen, als wäre ich gerade fast ertrunken. Sie lächelte kaum merklich.

Als ich mich endlich aus dem Bett manövriert hatte, wurde mir schlagartig bewusst, dass fester Boden unter den Füßen ein maßlos unterschätztes Luxusgut war.

Ich rief sofort die letzte Aufnahme auf. Irgendetwas in mir brauchte den Beweis, dass dieser Moment tatsächlich passiert war und ich ihn mir nicht nur eingebildet hatte.

Meine Augen wurden groß.

„Zeig.“

Sie stand auf und kam zu mir. Wir betrachteten gemeinsam das Display. Ihre Schulter lag an meinem Oberarm. Keiner von uns machte Platz.

„Heilige Scheiße!“, entfuhr es mir.

„Du hast aufgehört, mich fotografieren zu wollen.“ - Der Satz traf mich unvorbereitet, denn für einen kurzen Moment klang er wie ein Vorwurf.

„Was habe ich stattdessen gemacht?“

„Hingesehen“, erwiderte sie mit einem Lächeln.

Sie nahm mir die Kamera ab und legte sie auf das Bett. Achtlos, wie es schien - direkt auf die beigefarbene Decke, deren Ende noch immer halb über den Rand hing. Danach blieb sie vor mir stehen. Plötzlich fehlte uns der Gegenstand, auf den wir beide schauen konnten.

Keine Kamera.

Kein Display.

Nur sie.

Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Dieses Problem verfolgte mich heute offenbar durch sämtliche Gebäude der Stadt.

Wir betrachteten uns einige Sekunden. Dann hob sie die Hand und griff nach meinem Hemdkragen.

„Der ist die ganze Zeit schief.“

Sie strich den Stoff glatt. Langsam. Nicht auffällig langsam. Aber auch nicht so schnell, wie es nötig gewesen wäre.

Ihre Finger blieben einen Moment an meinem Hals liegen. Ich spürte ihren Atem.

Es war lächerlich. Wir hatten uns vor wenigen Stunden zum ersten Mal gesehen. Ich wusste nicht, welchen Kaffee sie trank, ob sie Geschwister hatte oder was sie tat, wenn sie nicht gerade vor einer Kamera stand. Trotzdem stand ich in ihrem Schlafzimmer und hatte das Gefühl, der gesamte Abend hätte auf genau diesen Abstand zwischen uns hingearbeitet.

Sie ließ meinen Kragen los, trat jedoch nicht zurück. Ich auch nicht.

Ihre Augen wanderten kurz zu meinem Mund und sofort wieder nach oben. Vielleicht bildete ich es mir ein. In solchen Situationen wird das Gehirn zum Verschwörungstheoretiker. Jede Bewegung ist plötzlich ein Zeichen. Jeder Atemzug eine Botschaft.

Sie kam noch näher. So nah, dass ihre Brust meinen Oberkörper beinahe berührte.

Beinahe ist ein grausames Wort.

„Du bist angespannt.“

„Ich passe nur auf deine Einrichtung auf.“

„Wovor genau willst du sie schützen?“

Mir fiel keine sinnvolle Antwort ein.

Marisa lächelte nicht, und das veränderte alles.

Sie hob ihre Hand und strich mit den Fingerspitzen über die Innenseite meines Handgelenks. Genau über den schwarzen Stempel vom Bunker. Eine einzige langsame Bewegung. Mein Puls war dort vermutlich deutlich zu spüren. Ihre Finger blieben liegen. Kein Spruch, keine Anweisung, nur absolute Stille. Ich sah auf ihre Hand. Danach in ihr Gesicht. Ich konnte in ihren Augen erkennen, wie das warme Licht der Nachttischlampe reflektierte. Ich hob die freie Hand und schob ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Als meine Finger ihre Wange berührten, schloss sie kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war ihr Blick ein anderer. Nicht mehr aufmerksam. Entschieden. Sie umfasste mein Handgelenk fester und machte einen kleinen Schritt nach vorn. Der letzte Abstand zwischen uns verschwand beinahe vollständig. Ihr Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. Ihr Blick wanderte erneut zu meinen Lippen. Diesmal bildete ich es mir definitiv nicht ein.

Ich senkte den Kopf.

Sie kam mir entgegen.

Und genau in diesem Moment fiel hinter uns die Kamera von der Bettdecke.

Der Verschluss löste aus.

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u/jhimselfowitsch — 10 days ago