Der Jazzabend die Pause vor dem Ton und der aeltere Mann der mir den letzten Zentimeter ueberliess

Ich spiele Saxophon, seit ich ein Maedchen bin, und ich habe gelernt, dass die schoensten Toene die sind, die man gerade nicht spielt. Die Pause davor. Die Stille danach. An diesem Abend sass ich in einer kleinen Bar, in der jemand Jazz spielte, und der Mann, der neben mir Platz nahm, verstand offenbar dasselbe.

Er war aelter, ruhig, mit einer Art zu schweigen, die den Raum nicht leerer machte, sondern voller. Wir sagten lange nichts. Er hoerte der Musik zu, ich hoerte ihm zu, wie er zuhoerte, und irgendwann drehte er den Kopf und sagte, dass die beste Stelle im ganzen Stueck der Moment sei, bevor der Ton kommt. Ich musste laecheln, weil ich genau das mein Leben lang denke, ohne es je jemandem gesagt zu haben.

Ich stehe auf Maenner, die Geduld haben. Nicht die langweilige Art, sondern die, die weiss, dass man nichts erzwingen muss, was ohnehin kommt. Er legte seine Hand nicht auf meine. Er liess sie daneben liegen, warm, nah, und ueberliess mir den letzten Zentimeter. Diesen einen Zentimeter, in dem noch alles moeglich ist. Ich blieb eine Weile darin, nur um ihn warten zu sehen, und er wartete, als haette er alle Zeit der Welt.

Ich bin klein und blond und man haelt mich fuer harmloser, als ich bin. Das gibt mir Zeit, einen Raum zu lesen, bevor er mich liest. Diesen Mann hatte ich gelesen, lange bevor er es merkte, und als ich den Zentimeter schloss, tat ich es, weil ich es entschieden hatte, nicht weil er darum gebeten hatte.

Was danach kam, behalte ich fuer mich. Nur so viel. Ich ging als Erste, solange der Abend noch schoener war als alles, was danach kaeme. Er hielt mich nicht fest. Ein Mann, der versteht, haelt nichts fest. Er sah mir nach, und ich drehte mich nicht um, weil ich genau wusste, wie er dasteht, und diesen Ton nehme ich mit, wie die Stille nach dem letzten.

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u/JulieHunterX — 4 days ago

Die Nacht am gefrorenen See als der Strom ausfiel und der ruhige aeltere Mann den Hang heruntergekommen kam

Manche Naechte fangen leise an und man weiss trotzdem sofort, dass sie einem lange bleiben werden. Diese fing damit an, dass der Strom ausfiel. Ich war allein unterwegs, weit oben im Norden, in einer Huette am Rand eines gefrorenen Sees, und ich hatte das Ganze so geplant. Kein Netz, keine Termine, nur ich, ein Ofen und der Himmel, von dem mir alle gesagt hatten, er wuerde in diesen Naechten brennen. Ich wollte allein sein. Das dachte ich zumindest, bis es dunkel wurde.

Der Mann, dem die Huetten gehoerten, wohnte im Haupthaus, ein Stueck den Hang hinauf. Er war aelter, ruhig, mit dieser Art von Stille, die nicht leer ist, sondern voll. Am Nachmittag hatte er mir Holz gebracht und mir gezeigt, wie der Ofen zieht, und ich hatte ihn dabei laenger angesehen, als noetig gewesen waere. Das passiert mir selten. Ich bin gewohnt, dass man mich ansieht, nicht umgekehrt. Aber er hatte etwas an sich, das mich neugierig machte, und Neugier war schon immer meine gefaehrlichste Eigenschaft.

Als das Licht wegblieb, dauerte es keine zehn Minuten, bis er an meine Tuer klopfte. Er hatte eine Lampe dabei und eine zweite fuer mich, und er fragte, ob mir kalt sei, so als waere das der wahre Grund, warum er den Hang heruntergekommen war. Ich sagte, dass mir nicht kalt sei, und trat zur Seite, und er kam herein, ohne zu fragen, ob er duerfe, und irgendwie war genau das richtig.

Wir setzten uns an den Ofen. Draussen fing der Schnee an, in diesen langsamen, dicken Flocken, die aussehen, als haetten sie alle Zeit der Welt. Wir redeten. Nicht das uebliche Gerede. Er fragte, warum eine Frau wie ich allein an das Ende der Welt faehrt, und ich sagte ihm die Wahrheit, dass ich manchmal pruefen muss, ob ich mit mir selbst noch gern allein bin. Er nickte, als kaenne er das, und stellte mir dann eine Frage, die mich stiller machte, als ich zugeben wollte. Er fragte, ob ich immer diejenige sei, die geht, bevor jemand naeher kommt.

Ich mag Maenner, die zuhoeren, wie andere kuessen. Langsam, aufmerksam, ohne Eile, und mit dem Wissen, dass das Beste kommt, wenn man es nicht erzwingt. Er war so einer. Er sass da, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht halb im Feuerschein, und jedes Mal, wenn ich etwas sagte, wartete er einen Moment, bevor er antwortete, als wollte er sichergehen, dass ich fertig war. Diese kleine Pause tat etwas mit mir. Sie machte mich langsamer, weicher, offener, als ich es geplant hatte.

Ich stehe auf reifere Maenner, das habe ich nie versteckt. Nicht wegen des Alters, sondern wegen der Ruhe. Ein Mann, der nichts mehr beweisen muss, hat Zeit, und Zeit ist das Verfuehrerischste, was es gibt. Er nahm sich Zeit fuer alles. Fuer die Art, wie er das Holz nachlegte. Fuer die Art, wie er mich ansah, wenn ich lachte. Fuer die eine Sekunde, in der sich unsere Haende trafen, als wir beide nach demselben Stueck Holz griffen, und keiner von uns zog zurueck.

Ich bin klein und man unterschaetzt mich gern. Man haelt mich fuer das suesse Maedchen, das man beschuetzen muss. Dabei bin ich diejenige, die den Raum lenkt, meistens, ohne dass es der andere merkt. An diesem Abend wollte ich nicht lenken. Ich wollte sehen, wie es ist, wenn ich es einmal jemandem ueberlasse. Und er nahm es, ganz selbstverstaendlich, so wie ein Mann etwas nimmt, von dem er weiss, dass es ihm gegeben wird.

Er fragte, ob ich frieren wuerde, und ich sagte nein, obwohl es nicht ganz stimmte. Er ruecke naeher, nicht viel, nur so weit, dass ich seine Waerme spuerte an der Seite, an der der Ofen mich nicht erreichte. Ich lehnte mich hinueber, langsam, gab ihm jede Gelegenheit, es zu deuten, und er deutete es richtig. Seine Hand legte sich in meinen Nacken, warm und schwer, und blieb dort, ohne zu draengen, und ich verstand, dass er mich fragen wollte, ohne zu fragen. Ich antwortete, indem ich den Kopf ein Stueck zur Seite neigte, und das war Antwort genug.

Wir kuessten uns nicht sofort. Das ist das, woran ich mich am meisten erinnere. Wir blieben eine Weile in diesem einen Zentimeter, den ich so liebe, in dem noch alles moeglich ist und noch nichts entschieden. Sein Atem an meiner Wange, meiner an seiner Kehle, das Feuer, das leiser wurde, der Schnee, der die Welt draussen zudeckte, bis es nur noch uns gab. Ich haette es in die Laenge ziehen koennen, stundenlang. Ich bin gut darin, Maenner warten zu lassen. Aber diesmal war ich es, die nicht laenger warten wollte.

Was mich an diesem Abend ueberraschte, war nicht, dass ich blieb. Es war, wie leicht es mir fiel. Ich hatte mir dieses Alleinsein so genau ausgesucht, jede Stunde davon geplant, und ausgerechnet der eine Mensch, den ich nicht eingeplant hatte, machte den Abend zu dem, an den ich mich erinnere. Er verlangte nichts. Er nahm nichts, was ich nicht laengst beschlossen hatte zu geben. Und vielleicht ist genau das der Trick, den die meisten nie lernen. Dass man eine Frau wie mich nicht erobert, indem man draengt, sondern indem man wartet, bis sie selbst den einen Schritt macht, den kein anderer fuer sie machen kann.

Dann kam das Licht wieder. Einfach so, mitten hinein, die Lampe an der Decke flackerte und blieb an, und wir sahen uns an, im hellen Licht, und lachten beide leise, weil der Moment so ehrlich war, dass Licht ihm nichts anhaben konnte. Er stand nicht auf. Ich schickte ihn nicht weg. Und was danach kam, behalte ich fuer mich, denn die schoensten Dinge erzaehlt man nicht bis zum Ende.

Ich sage nur so viel. Am Morgen war der See noch gefroren, der Himmel klar, und der Kaffee, den er mir brachte, schmeckte anders als jeder Kaffee davor. Er stellte keine Fragen ueber danach. Ich auch nicht. Manche Naechte muss man nicht in etwas verwandeln, das haelt. Man muss sie nur gehabt haben, ganz, und dann weiterfahren, mit diesem Laecheln, das man nicht erklaeren kann und auch nicht erklaeren will.

Ich fuhr am Mittag weiter, den Hang hinunter, und drehte mich einmal um. Er stand vor dem Haupthaus, die Haende in den Taschen, und sah mir nach, genau wie ich es mir gedacht hatte. Ich winkte nicht. Ich musste nicht. Manche Blicke sagen alles, und diesen einen nehme ich mit, viel weiter als bis zur naechsten Stadt.

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u/JulieHunterX — 4 days ago

Regen, ein Fremder und der Aufzug, der stehenblieb

Draußen goss es, als hätte der Himmel etwas gutzumachen. Ich stand im Foyer eines Hotels, das nicht meins war, mit nassen Haaren und dem falschen Schlüssel in der Hand, und wartete auf den Aufzug. Er kam mit mir hinein, ein Mann im dunklen Mantel, älter, mit dieser gelassenen Selbstsicherheit, die man nicht kaufen kann. Wir standen nebeneinander, und die Zahlen kletterten nach oben, bis der Aufzug mit einem leisen Ruck stehenblieb. Zwischen zwei Etagen. Kein Licht flackerte, nur ein Summen, dann Stille.

Ich bin klein, und in engen Räumen fühle ich mich normalerweise noch kleiner. Nicht diesmal. Er sah mich an, ruhig, fragte, ob ich Platzangst hätte, und ich schüttelte den Kopf, obwohl mein Herz aus einem ganz anderen Grund schneller schlug. Er lehnte sich gegen die Wand, mir gegenüber, so dass zwischen uns kaum mehr als ein Atemzug lag. Ich hätte wegsehen können. Ich tat es nicht.

Es ist erstaunlich, wie viel man in ein Schweigen legen kann. Er sagte irgendwann leise, dass Regen ihm gefalle, weil er die Leute langsamer mache, und dabei wanderte sein Blick über mein Gesicht, meinen Hals, zurück zu meinen Augen. Ich spürte, wie mir warm wurde in diesem kalten Kasten aus Stahl. Als ich einen halben Schritt näher trat, mehr aus Neugier als aus Absicht, lächelte er, als hätte er darauf gewartet.

Der Aufzug ruckte wieder an, viel zu früh, und die Türen gingen auf. Wir standen noch einen Moment, keiner rührte sich. Dann nannte er mir seine Zimmernummer, ganz ohne Druck, und trat hinaus in den Flur. Ich blieb zurück, mit klopfendem Herzen und einer Entscheidung, die eigentlich schon gefallen war. Ob ich geklopft habe, verrate ich nicht. Aber ich kann dir sagen, dass ich Regen seitdem mit anderen Augen sehe.

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u/JulieHunterX — 9 days ago

Der Mann aus dem Muay-Thai-Studio und die Nacht, die ich nicht geplant hatte

Es fing ganz harmlos an, mit Schweiß und geradem Rücken. Ich trainiere dreimal die Woche Muay Thai, hier in der Schweiz, in einem kleinen Studio am Rand der Stadt, wo das Licht abends warm wird und die meisten schon gegangen sind. Ich mag diese späte Stunde, wenn nur noch zwei oder drei von uns die Säcke bearbeiten und niemand mehr redet. An dem Abend war er da. Älter als ich, grau an den Schläfen, ruhig auf eine Art, die einem sofort auffällt, weil sie so selten ist. Er sah mir zu, wie ich meine Kombination lief, und sagte kein Wort. Genau das machte mich nervös.

Ich bin klein, ich weiß, wie ich wirke. Die meisten unterschätzen mich, bis ich das erste Mal richtig zutrete. Aber er unterschätzte mich nicht. Er nickte nur, als ich fertig war, und in diesem Nicken lag mehr Anerkennung als in jedem Kompliment, das mir sonst hinterhergeworfen wird. Ich spürte, wie mir warm wurde, und es lag nicht am Training.

Wir kamen ins Gespräch, während ich meine Bandagen abwickelte. Er fragte, wie lange ich schon kämpfe, und ich merkte, dass ich langsamer antwortete als nötig, nur um ihn länger anzusehen. Seine Hände waren groß, ruhig, die Sorte Hände, bei denen man sich ausmalt, wie sie sich anfühlen würden. Ich sah kurz weg, weil ich wusste, dass er mir das ansah. Er lächelte, und ich hasste, wie gut ihm das stand.

Es war schon nach zehn, als wir als Letzte gingen. Draußen war die Luft kühl, der Parkplatz fast leer. Ich hätte Tschüss sagen und in mein Auto steigen können. Habe ich nicht. Ich blieb stehen, meine Tasche über der Schulter, und ließ ihn den ersten Schritt machen, weil ich genau wissen wollte, ob er ihn machte. Er machte ihn. Nicht hastig, nicht plump. Er kam einfach näher, bis ich seinen Atem spürte, und fragte leise, ob ich noch nicht nach Hause wolle.

Ich wollte nicht. Das wusste ich in dem Moment ganz genau, auch wenn mein Kopf noch eine Sekunde brauchte, es zuzugeben. Ich mag Männer, die die Führung übernehmen, ohne mich zu drängen. Die spüren, wann ein Ja schon in der Luft hängt, und es sich dann trotzdem noch verdienen. Er lehnte sich an mein Auto, so nah, dass ich mich entscheiden musste, ob ich zurücktrat oder blieb. Ich blieb.

Sein Studio, sagte er, sei nur zwei Straßen weiter, über einer alten Werkstatt, und er habe guten Wein, den er selten mit jemandem teile. Ich lachte, weil das die älteste Einladung der Welt ist, und trotzdem stieg ich zu ihm ins Auto. Manchmal weiß man, dass man klug sein sollte, und tut genau das Gegenteil, weil das Gegenteil sich einfach besser anfühlt.

Die Wohnung war warm und aufgeräumt, Bücher an den Wänden, eine Platte lief leise im Hintergrund. Er nahm mir die Jacke ab, langsam, und seine Finger streiften meinen Nacken, als er sie über den Stuhl legte. Ich stand mit dem Rücken zu ihm und spürte jeden Zentimeter, den er näher kam. Er drehte mich nicht herum. Er wartete, bis ich mich selbst umdrehte, und in diesem Warten lag die ganze Spannung des Abends.

Als ich ihn ansah, war da kein Zweifel mehr in mir. Ich legte meine Hand auf seine Brust, mehr um ihn zu spüren als um ihn aufzuhalten, und er nahm mein Handgelenk, nicht fest, nur bestimmt, und hielt es dort. Ich mag das. Ich mag es, wenn jemand die Kontrolle sanft aber deutlich übernimmt, wenn ich für einen Moment nichts entscheiden muss und mich einfach fallen lassen darf. Er beugte sich herunter, und der erste Kuss war langsamer, als ich erwartet hatte, fast geduldig, als hätten wir alle Zeit der Welt.

Wir hatten sie nicht, und es war uns egal. Seine Hand fand meinen Rücken, dann tiefer, und ich ließ ihn machen, weil ich sehen wollte, wie weit er ging, ohne zu fragen, und wo er innehielt, um mich fragen zu lassen. Er las mich wie jemand, der weiß, was er tut. Jeder Atemzug von mir schien ihm zu sagen, wohin als Nächstes, und ich hätte lügen müssen, um zu behaupten, dass ich die Führung wiederhaben wollte.

Ich bin sonst diejenige, die vorgibt, wo es langgeht. Im Ring, im Alltag, bei den meisten Männern, die glauben, sie hätten das Sagen, bis ich ihnen ruhig das Gegenteil beweise. An dem Abend war das anders, und ich habe zum ersten Mal seit langem gemerkt, wie befreiend es sein kann, die Kontrolle bewusst abzugeben, wenn man dem Gegenüber vertraut. Er verlangte nichts, was ich nicht längst wollte. Er nahm sich nur, was ich ihm ohne Worte anbot, und er tat es mit einer Selbstverständlichkeit, die mir den letzten Rest von Zurückhaltung nahm. Zwischendurch hielt er inne, sah mich an, wartete auf das kleine Nicken, das ihm sagte, dass er weitermachen durfte. Genau diese Mischung aus Bestimmtheit und Rücksicht bringt mich um den Verstand. Ich flüsterte ihm irgendwann zu, dass er sich nicht so viel Mühe geben müsse, vorsichtig zu sein, und das Lächeln, das darauf folgte, werde ich so schnell nicht vergessen.

Ich erinnere mich an das Fensterlicht auf seiner Schulter, an den Moment, in dem ich die Augen schloss und ihn einfach den Ton angeben ließ. An das leise Lachen, als ich ihm zeigte, dass die Kleine aus dem Muay-Thai-Studio genau wusste, was sie wollte, und es auch nahm. An das Gefühl, gleichzeitig geführt und begehrt zu sein, was für mich das Beste ist, was zwei Menschen in einer solchen Nacht teilen können.

Was danach kam, behalte ich für mich, denn manche Bilder gehören nur mir. Nur so viel: Ich bin nicht die, die sich hinterher schämt. Ich lag danach neben ihm, meine Finger auf seiner Brust, und dachte, dass die klugen Entscheidungen selten die sind, an die man sich erinnert. Er strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und sah mich an, als hätte er dieselbe Süße und dieselbe Schärfe in mir gesehen, die ich in mir kenne.

Am nächsten Morgen ging ich früh, mit verstrubbelten Haaren und einem Lächeln, das ich den ganzen Tag nicht loswurde. Im Studio trainiere ich weiter dreimal die Woche. Und wenn das Licht abends warm wird und wir die Letzten sind, dann weiß ich inzwischen ganz genau, dass die interessantesten Abende nicht die sind, die man plant. Manchmal reicht ein Nicken von der richtigen Person, um alles ins Rutschen zu bringen. Und manchmal ist genau das der Grund, warum ich meine Tasche eine Sekunde länger hängen lasse, bevor ich zum Auto gehe.

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u/JulieHunterX — 9 days ago

Ein Freitag in der Hotelbar am Zürichsee, und der Mann am Tresen dachte, er hätte die Kontrolle

Es gibt diese Freitage, an denen ich gar nicht ausgehe, um jemanden kennenzulernen. Ich gehe aus, weil ich sehen will, wie lange ein Mann durchhält, bevor er sich verrät. Der Abend am See war so einer.

Ich hatte mir Zeit gelassen, bevor ich überhaupt aus dem Haus bin. Das dunkelblaue Kleid, das nichts zeigt und trotzdem alles andeutet, die Haare offen, ein Parfum, das man erst bemerkt, wenn man zu nah steht. Ich ziehe mich nicht an, um gesehen zu werden. Ich ziehe mich an, um im Kopf zu bleiben, wenn ich längst wieder weg bin. Das ist ein Unterschied, den die meisten nie begreifen.

Die Bar im obersten Stock, viel dunkles Holz, zu teure Drinks, dieses gedämpfte Licht, das jeden zehn Jahre jünger und doppelt so mutig macht. Ich hatte mir bewusst den Platz am Ende des Tresens ausgesucht. Nicht mittendrin, wo jeder glotzt. Sondern dort, wo einer schon eine Entscheidung treffen muss, um zu mir herüberzuschauen.

Er saß drei Hocker weiter. Anzug, aber die Krawatte längst gelockert, der Ehering noch am Finger, das Glas fast leer. Die Sorte Mann, die tagsüber Zahlen bewegt und abends nicht weiß, wohin mit sich. Ich habe ihn nicht angesehen. Ich habe nur mein Glas gedreht, langsam, und aus dem Fenster auf den See geschaut, als wäre er das Interessanteste im Raum.

Das reicht meistens. Männer wie er ertragen es nicht, übersehen zu werden. Der Barkeeper hat es zuerst gemerkt, dieses kleine Lächeln von jemandem, der solche Abende schon oft gesehen hat. Er hat mir mein Glas nachgefüllt, ohne dass ich fragen musste, und dabei kurz in die Richtung des Mannes genickt, als wollte er sagen, der da hält es keine Viertelstunde mehr aus. Er sollte recht behalten.

Bei der zweiten Runde hat er den Barkeeper gefragt, was ich trinke, und mir dasselbe schicken lassen. Kein Wort dazu. Nur das Glas, das plötzlich vor mir stand. Ich habe es angenommen, den Kopf leicht geneigt, und ihn zum ersten Mal richtig angesehen. Nur kurz. Gerade lang genug, dass er glaubte, er hätte gewonnen. Genau da fangen sie an, Fehler zu machen.

Er kam herüber. Der übliche Satz, irgendwas über den Ausblick, dabei ging es nicht um den Ausblick, und wir wussten es beide. Ich habe ihn reden lassen. Ich mag es, wenn ein Mann glaubt, er führt das Gespräch, während ich längst entschieden habe, wie der Abend läuft. Man muss ihnen nur den Eindruck lassen, sie hätten die Zügel in der Hand. Dann tun sie fast alles, um ihn zu behalten.

Ich habe ihn Dinge gefragt, die man nicht fragt, wenn man nur höflich ist. Wie oft er hier sei. Ob seine Frau wisse, dass er freitags so spät nach Hause komme. Ob er immer so nervös werde, wenn ihn jemand zu lange ansieht. Bei der letzten Frage hat er den Ehering gedreht, ohne es zu merken. Kleine Bewegung, große Antwort.

Er hat gelacht, ein bisschen zu laut, und schnell das Thema gewechselt. Männer tun das, wenn man sie an einer Stelle berührt, an der sie nicht berührt werden wollen. Ich habe nicht nachgesetzt. Ich bin einfach nah genug herangerückt, dass er meinen Duft mitbekam, und habe weitergeredet, als wäre nichts. Nähe sagt mehr als jedes Wort, und sie lässt sich nicht so leicht wegdiskutieren wie ein Blick.

Von da an lief es, wie es immer läuft. Seine Sätze wurden kürzer, seine Pausen länger. Er hat mein Glas im Auge behalten, um mir sofort ein neues zu bestellen, nur damit ich nicht auf die Idee komme zu gehen. Ich habe ihn schmoren lassen zwischen der Hoffnung, dass etwas passiert, und der Angst, dass es das tut. Dieser Zwischenraum ist mein Lieblingsplatz. Dort ist ein Mann am ehrlichsten.

Ich kenne diese Sekunden genau. Die Art, wie sein Knie irgendwann meins streifte und dort einen Moment zu lange blieb. Wie er den Ring drehte, wenn er dachte, ich sähe es nicht. Wie seine Stimme leiser wurde, je näher wir dem kamen, was er den ganzen Abend wollte und sich gleichzeitig verbot. Ich musste nichts tun. Ich musste nur da sein und ihn sich selbst überlassen.

Irgendwann hat er die Frage gestellt, auf die er den ganzen Abend zusteuerte. Ob wir woanders hingehen sollten. Leiser jetzt, fast entschuldigend, als bäte er um etwas, das er sich eigentlich nicht erlauben dürfte. Genau dieser Ton verrät sie. Nicht die Frechen sind interessant, sondern die, die genau wissen, dass sie es nicht tun sollten, und es trotzdem wollen.

Ich habe mir Zeit gelassen mit der Antwort. Habe mein Glas ausgetrunken, den Mantel genommen, und bin aufgestanden, direkt vor ihm, so dass er kurz nicht wusste, wohin mit seinen Augen. Dann habe ich mich zu ihm hinuntergebeugt, nah an sein Ohr, und ihm gesagt, dass ich heute nicht diejenige bin, die mitgeht. Dass er den Abend behalten darf, so wie er ist. Und dass er ruhig weiter an ihn denken darf, ich hätte nichts dagegen.

Er hat mich angesehen wie jemand, dem man etwas versprochen und im letzten Moment wieder weggenommen hat. Genau so wollte ich ihn zurücklassen. Nicht satt. Sondern hungrig.

Denn das ist der Punkt, den die meisten Frauen nie lernen. Ein Mann vergisst die, mit der er sofort gehen konnte. Aber die, die dicht dran war und sich im letzten Moment umgedreht hat, die bleibt. Die sitzt ihm im Kopf, wenn er neben seiner Frau liegt und nicht schlafen kann. Die sucht er im nächsten überfüllten Zug, in der nächsten Bar, in jedem Gesicht, das ihr auch nur ähnlich sieht.

Ich bin gegangen, ohne mich noch einmal umzudrehen. Ich musste nicht. Ich habe seinen Blick im Rücken gespürt, den ganzen Weg bis zum Aufzug, und ich wusste genau, wie er dasitzt. Glas leer, Krawatte schief, und dieser eine Gedanke, den er den Rest des Wochenendes nicht mehr loswird.

Im Aufzug habe ich mein Spiegelbild angesehen und musste lächeln. Nicht, weil ich gewonnen hatte. Sondern weil er bis zum Schluss geglaubt hat, es läge an ihm, wie der Abend ausgeht. Dabei lag es nie an ihm. Es liegt nie an ihnen.

Manche Frauen wollen gefallen. Ich will im Kopf bleiben. Das ist ein Unterschied, den ein Mann erst merkt, wenn es zu spät ist. Und der Mann am See merkt es vermutlich genau jetzt.

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u/JulieHunterX — 10 days ago