Der Jazzabend die Pause vor dem Ton und der aeltere Mann der mir den letzten Zentimeter ueberliess
Ich spiele Saxophon, seit ich ein Maedchen bin, und ich habe gelernt, dass die schoensten Toene die sind, die man gerade nicht spielt. Die Pause davor. Die Stille danach. An diesem Abend sass ich in einer kleinen Bar, in der jemand Jazz spielte, und der Mann, der neben mir Platz nahm, verstand offenbar dasselbe.
Er war aelter, ruhig, mit einer Art zu schweigen, die den Raum nicht leerer machte, sondern voller. Wir sagten lange nichts. Er hoerte der Musik zu, ich hoerte ihm zu, wie er zuhoerte, und irgendwann drehte er den Kopf und sagte, dass die beste Stelle im ganzen Stueck der Moment sei, bevor der Ton kommt. Ich musste laecheln, weil ich genau das mein Leben lang denke, ohne es je jemandem gesagt zu haben.
Ich stehe auf Maenner, die Geduld haben. Nicht die langweilige Art, sondern die, die weiss, dass man nichts erzwingen muss, was ohnehin kommt. Er legte seine Hand nicht auf meine. Er liess sie daneben liegen, warm, nah, und ueberliess mir den letzten Zentimeter. Diesen einen Zentimeter, in dem noch alles moeglich ist. Ich blieb eine Weile darin, nur um ihn warten zu sehen, und er wartete, als haette er alle Zeit der Welt.
Ich bin klein und blond und man haelt mich fuer harmloser, als ich bin. Das gibt mir Zeit, einen Raum zu lesen, bevor er mich liest. Diesen Mann hatte ich gelesen, lange bevor er es merkte, und als ich den Zentimeter schloss, tat ich es, weil ich es entschieden hatte, nicht weil er darum gebeten hatte.
Was danach kam, behalte ich fuer mich. Nur so viel. Ich ging als Erste, solange der Abend noch schoener war als alles, was danach kaeme. Er hielt mich nicht fest. Ein Mann, der versteht, haelt nichts fest. Er sah mir nach, und ich drehte mich nicht um, weil ich genau wusste, wie er dasteht, und diesen Ton nehme ich mit, wie die Stille nach dem letzten.